Page - 207 - in „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Volume II
Image of the Page - 207 -
Text of the Page - 207 -
20712.
Jänner 1849
Es ist noch immer die perfide oder unklare (ich glaube beydes) Politik des
ministeriums schwarzenberg, ich habe gestern sehr ausführlich an stadion
geschrieben, ihm meine Ansichten auseinandergesetzt und ihm vorgestellt,
wie nothwendig es sey, jetzt klar zu sehen und sich klar auszusprechen.
das wird auch nichts nützen, und wenn die verwirrung, die vor dem July
in deutschland herrschte, wieder angeht, wird niemand dabey gewinnen
als die linke, und auch oesterreich wird die rückwirkungen spüren.
überhaupt gefallen mir die dinge in österreich nicht, sey es das cabinet,
der hof oder die militärherrschaft, kurz es riecht stark nach reactionären
gelüsten, so wenig ich sonst mich vor dergleichen fürchte. dagegen geht die
campagne in ungarn rasch und glücklich vorwärts und wird bald zu ende
seyn, aber was dann? in italien fürchtet man einen Wiederausbruch des
krieges durch das tolle ministerium gioberti, und ob frankreich dann wird
neutral bleiben können, ist die frage.
hier spricht man von veränderungen im ministerium, coalition mit den
Peeliten, Austritt Palmerstons etc., ich glaube nicht, daß jetzt schon viel
Bedeutendes geschehen wird. man erzählt mir, daß ich als österreichischer
gesandter oder Botschafter hierher komme, ich hätte nichts dawider, daß
meine stellung in frankfurt dießmal noch unangenehmer seyn wird als im
vorigen monathe, glaube ich, und will mich so passiv verhalten wie mög-
lich, die klugheit verbiethet mir, gegen oesterreich und die oesterreicher
eine allzu heftige opposition zu machen.
die mittheilung, welche ich kurz nach meiner hierherkunft an gagern
gemacht hatte, daß Bayern und hannover hier in london (!) gegen das
preußische Primat in deutschland protestirt hätten, geht nun durch alle
deutschen Zeitungen und erregt großen sturm, wird noch ärger kommen.
[london] 12. Jänner
mein ungestüm hat über lord Palmerston’s Bequemlichkeit den sieg da-
von getragen, als ich ihn gestern sah (er hatte das Podagra und schien sehr
leidend), sagte er mir, daß ihre majestät mich heute empfangen werde, und
zwar im Beyseyn eines andern ministers, da er zu unwohl sey, um mich
nach Windsor zu begleiten. ich fuhr dann heute nach Windsor und hatte
um 3 uhr meine Audienz, jedoch, was eigentlich gegen alle constitutionelle
ordnung ist, ohne daß irgend ein minister dabey war, nur die königinn und
Prinz Albert. man hatte wahrscheinlich auf lord carlisle gerechnet, der
eben auf Besuch in Windsor war, dieser war aber heute morgens weggefah-
ren, ich wurde in dem morgencostume, in dem ich gekommen war, empfan-
gen. nachher sprach ich den Prinzen noch lange bey stockmar, welcher mit
unrecht stark auf meine Anwesenheit in frankfurt zu zählen scheint und
mir zuredete, nur recht kräftig, ernstlich und muthig aufzutreten.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien