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Jänner 1849
durcheinander, einen kaiser ohne irgend eine Bestimmung über erblich-
keit oder Zeitdauer, einen reichsrath ohne räthe etc.,1 es kömmt mir vor
wie ein dixi et salvavi animam, während Alles nach den regierungen blickt
und von diesen ein Zustandekommen irgend eines, wenn auch gegen frü-
here hoffnungen sehr bescheidenen deutscheinheitlichen staatsgebäudes
erwartet, und das wird auch geschehen, heute ist eine von Preußen an alle
deutschen regierungen gerichtete depesche eingetroffen, worin diese auf-
forderte, Behufs der vereinbarung mit der nationalversammlung vor der
2. Lesung der Verfassung ihre Bedenken, Modificationen etc. in einer colle-
gialischen Berathung hier in frankfurt auszusprechen, worin trotz der in
der nationalversammlung vorherrschenden tendenz für die kaiserwürde,
und zwar zu gunsten Preußens, und trotz der bereits eingelaufenen zu-
stimmenden Adressen vieler kleinerer regierungen und ständekammern
erklärt wird, daß Preußen eine einheitliche spitze für unausführbar und
daher für unangemessen halte (eine Ansicht, welche ich vollkommen theile,
so sehr gagern auch als ein doctrinär für einen kaiser ist), und hinsicht-
lich des verhältnisses mit oesterreich unsere idee des Bundesstaates im
staatenbunde festgehalten wird, eine Art von Zollverein, auf politische in-
teressen ausgedehnt, wobey nur das Problem zu lösen bliebe, ob man den
Beytritt dazu den andern staaten (außer oesterreich) freystellen solle oder
nicht, und was im erstern falle die folge seyn würde.2
so ungefähr wird es kommen, und die nationalversammlung wird am
ende nicht viel anders gethan haben, als das material ausarbeiten, übri-
gens liegt da auch nicht viel daran, wenn nur im Wesentlichen etwas her-
auskömmt.
1 Am 25.1.1849 wurde in zweiter lesung in namentlicher Abstimmung der satz „das reichs-
oberhaupt führt den titel: kaiser der deutschen“ mit knapper mehrheit (214 gegen 205)
angenommen. die Bestimmungen über den reichsrat kamen am tag darauf zur Abstim-
mung, dabei wurde als einziger Passus jener über die Zusammensetzung mit knapper
mehrheit (206 gegen 204) abgelehnt. Andrian nahm an beiden sitzungen nicht teil, er
scheint jeweils unter den entschuldigten Abwesenden auf.
2 diese preußische Zirkulardepesche war mit 23.1.1849 datiert. Bezüglich österreichs hieß
es darin, es sei „mit alten Banden an deutschland gekettet“, und das übrige deutschland
könne nicht auf österreich verzichten. Befriedigt wurde die übereinstimmung zwischen
Wien und Berlin konstatiert, den deutschen Bund als fortbestehend zu betrachten, und die
Notwendigkeit betont, die zukünftige Beziehung in einem Kompromiss zu finden zwischen
dem Anspruch österreichs auf inneren Zusammenhalt seiner länder und jenem deutsch-
lands auf einheitliche vertretung gegenüber dem Ausland, verschmelzung der kommerzi-
ellen und materiellen interessen und möglichster Angleichung der inneren gesetzgebung.
österreich könne jedoch nicht erwarten, an der leitung des zukünftigen deutschland ein-
flussreich mitzuwirken, falls es nicht bereit sei, die Beschlüsse dieser neuen Zentralgewalt
für sein Bundesgebiet anzuerkennen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien