Page - 216 - in „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Volume II
Image of the Page - 216 -
Text of the Page - 216 -
Tagebücher216
ich habe nun in diesen tagen viel gedacht und gesprochen und bin der
Ansicht, daß vor Allem eine neue Bundesakte wesentlich auf der Basis der
bisherigen abgefaßt werden müßte, dabey bliebe oesterreich der vorsitz
und la haute direction in der auswärtigen Politik. die vereinigung der üb-
rigen, oder der meisten übrigen, deutschen staaten zu einem engeren poli-
tischen verein, oder Bundesstaate, hätte diesen weiteren Bund, an dessen
spitze wieder ein Bundestag stände, nicht zu beirren. das habe ich mir nun
punctirt und heute in 2 langen unterredungen mit Blittersdorf (welcher als
ein einsichtsvoller, und sehr routinirter staatsmann mir hierin sehr an die
hand gegangen ist) weiter ausgearbeitet. Blittersdorf war diese idee neu,
er ging jedoch sogleich auf sie ein.
ich will jetzt noch mit Bunsen und gagern darüber conferiren, um sodann
eine détaillirte Ausarbeitung zu liefern, und sodann dieselbe nach olmütz
schicken, obwol ich ein recht hätte, mich darüber aufzuhalten, daß stadion
mir auf meinen Brief vom 10. dieses monats noch immer nicht geanwor-
tet hat. ich meine, daß die Ausarbeitung und der Abschluß dieser Acte so
schnell als möglich und zwar von eigentlichen staatsmännern zu gesche-
hen hätte und durch die nationalversammlung wo möglich in Bausch und
Bogen anzunehmen wäre, sonst kommen wir zu keinem Ziele und öffnen
den fremden intriguen thüre und thor. ohnehin sind diese jetzt, wo die
sache zur entscheidung kömmt, thätiger als je, hier und in den verschiede-
nen residenzen. gagern wollte die preußische note der nationalversamm-
lung vorlegen, hat dieses aber glücklicherweise aufgegeben, mir scheint der
mann ebenfalls kein staatsmann zu seyn. der wahre, der erst gefunden
werden soll, liegt zwischen ihm und schmerling in der mitte. man erzählt
hier, daß dieser nach olmütz ins ministerium und ich an seine stelle treten
soll, das wäre ein Zeichen einer systemsänderung in olmütz und mir daher
sehr lieb.
meine Wähler sandten mir neulich eine Zustimmungsadresse zu meiner
Ansprache an sie,1 mit sehr viel unterschriften. heute kam francke mit
der sonderbaren Proposition zu mir, ich möchte als reichsgesandter nach
kopenhagen gehen, um dort Bunsens friedensunterhandlungen zu unter-
stützen!
[frankfurt] 2. februar Abends
die Preußen und Preußenfreunde sind wie toll und thun, als ob sie deutsch-
land schon im sacke hätten, sie vergessen, daß wir nur einen finger zu rüh-
ren brauchen, um ihre ganze herrlichkeit zunichte zu machen.
1 Zu Andrians Adresse an seine Wähler, in der er sein Programm der zukünftigen Beziehung
österreichs zu deutschland darlegte, vgl. eintrag v. 19.12.1848.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien