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2172.
Februar 1849
ich hatte mein Projekt einer neuen Bundesakte ausgearbeitet, die grund-
züge derselben waren: gegenseitige territorialgarantie und ein Bundestag
mit etwa 11 stimmen, wovon der weitere verein (oesterreich, limburg, hol-
stein und die etwa dem Bundesstaate nicht beytretenden deutschen staaten)
die eine hälfte, der Bundesstaat die andere hätte. inmitten dieses Bundes-
tages sollte ein directorium (die gesandten von oesterreich, Preußen und
Bayern) bestehen, welches die oberste leitung oder controlle über die ganze
deutsche, also auch deutschösterreichische diplomatie zu führen hätte. mit
einem Worte: Für den Einfluß auf Deutschlands innere Angelegenheiten,
den wir aufgeben, wollte und will ich oesterreich einen um so größern auf
deutschlands auswärtige Politik sichern, um zu verhindern, was sonst sehr
leicht geschehen könnte, daß deutschland sich einst feindlich gegen uns
wende. Bunsen aber und die Preußen wollen davon nichts wissen und be-
stehen darauf, zwischen oesterreich und deutschland müsse lediglich ein
schutz- und trutzbündniß, also eine rein völkerrechtliche Allianz bestehen.
Das ist aber ohne einen solchen fortwährenden Einfluß ein todter Buchstabe.
heute ist eine österreichische erklärung an schmerling angekommen,
ich weiß aber bisher nur im Allgemeinen, daß sie ziemlich entschieden ge-
gen die preußische note lautet und auf dem Boden der verträge von 1815
stehen bleibt.1
ich langweile mich hier grauenhaft, besonders genirt mich meine unthä-
tigkeit, die sitzungen besuche ich nur sehr wenig, weil sie mich nicht mehr
interessiren, hätte ich nur einen guten grund, von hier weg zu gehen –
aber wohin? nach oesterreich verlangt es mich, besonders jetzt, nicht im
mindesten. das hiesige gesellige leben mit seinem ewigen spießbürgerli-
chen und doch immer beweglichen einerley langweilt mich zu tode. der
1 fürst schwarzenberg präzisierte den österreichischen standpunkt in einer mit 4.2.1849
datierten note, die am 12. februar in der nationalversammlung verlesen wurde. darin
lehnte er sowohl einen deutschen Bundesstaat ab als auch die forderungen, österreich
sei in eine Personalunion umzuwandeln oder solle aus deutschland austreten. gesamt-
österreich müsse in einen deutschen staatenverband aufgenommen werden, und dies
könne auch erreicht werden, wenn bei den verhandlungen alle nebenabsichten aufgege-
ben würden. das Ziel sei „ein nach außen festes und mächtiges, im innern starkes und
freies, organisch gegliedertes und doch in sich einiges deutschland.“ im gegensatz zum
doppelbundplan, in dem die Beziehungen zu österreich jenen mit dänemark oder holland
gleichgestellt würden, hätten in seinem Plan alle deutschen staaten und alle ihre außer-
deutschen gebietsteile Platz. Abschließend heißt es, dass man „in der Begründung eines
einheitlichen centralstaates den keim unheilvoller spaltungen erkennen müßte, den An-
laß zur Zersplitterung, und nicht zur einigung deutschlands. gegen eine unterordnung sr.
majestät des kaisers unter die von einem andern deutschen fürsten gehandhabte central-
gewalt verwahren sich se. majestät der kaiser und allerhöchst dessen regierung auf das
feierlichste. sie sind dieß sich, sie sind es österreich, sie sind es deutschland schuldig.“
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien