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Februar 1849
Heute sah ich den Erzherzog zum ersten Male, er empfing mich noch im
Bette, und was ich ihm sagte, wird ihn nicht gesünder gemacht haben, an
dem manne ist aber gar nichts, weder energie noch intelligenz.
das Parlament ist am 1. eröffnet worden. Palmerstons rede am 2. ist
wunderbar, durch ihre impudenz, er spricht von seiner aufrichtigen freund-
schaft für oesterreich und von den lombarden als revoltirten unterthanen
des kaisers!! – – Quantum mutatus ab illo hectore! damit möchte er sich
halten, ich zweifle aber, daß es ihm gelingen wird.
neulich fuhr ich nach homburg und traf dort unvermuthet meinen alten
freund und sonderling münchhausen.
[frankfurt] 9. februar
gestern kam endlich Würth mit der österreichischen note zurück,1 sie ist
sehr lang und reicher an Worten als an gedanken. sie erklärt, daß oester-
reich aus deutschland nicht austreten werde (wer will denn das?), daß aber
die nationalversammlung seit may eine falsche richtung befolgt habe und
einen einheitsstaat statt eines Bundesstaats beabsichtige (also wieder ein
schulbegriff mehr, worüber man sich zanken kann ohne sich zu verstehen,
denn in das détail dessen, was nach den Ansichten der österreichischen
regierung zum einheitsstaate und was zum Bundesstaate gehöre, geht die
note nicht ein), daß oesterreich nach wie vor am vereinbarungsprincipe
und an den traktaten von 1815 festhalte, daß es nun diese vereinbarung
mit sämmtlichen regierungen deutschlands, zunächst mit den königen
einleiten werde (wodurch dann das gerücht von der am 17. in Berlin einge-
reichten note wegen mediatisirung der kleinern staaten widerlegt zu wer-
den scheint), und zwar für sich allein, da die in Berlin gemachten schritte,
um dieses gemeinschaftlich mit Preußen zu thun, keinen erfolg gehabt hät-
ten, daß aber der kaiser schon gegenwärtig gegen jeden versuch, ihn einer
von einem andern deutschen fürsten geübten centralgewalt zu unterreden
[sic], protestire.
gleichzeitig ist rechberg nach münchen und stuttgart und Brenner nach
hannover und dresden abgegangen, um in diesem sinne zu wirken, und
trautmansdorf soll in Berlin erklärt haben, er habe Befehl, seine Pässe zu
nehmen, wenn der könig die oberhauptswürde annähme, eine gleiche er-
klärung soll meyendorf und, was ich noch nicht glauben kann, Westmore-
land abgegeben haben.
Wir haben also noch immer nichts positives, ausgenommen die erklärung
wegen des reichsoberhauptes, und auch diese ist nur negativ. mit Preußen
scheint hiermit der Bruch offen zu seyn, und ich finde es ungeschickt, daß
1 die note v. 4.2.1849, vgl. eintrag v. 2.2.1849.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien