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Tagebücher224
der Ballgeberinn ganz sachte gelöst und auf einen ziemlich kühlen fuß ge-
stellt, die Praeoccupation des Balles und wohl auch ein bischen nüchterner
überlegung (an der es ihr in keiner Weise fehlt) einerseits, und von meiner
seite die langeweile an dem hiesigen geselligen treiben und ein vollkom-
men passives verhalten haben dieses herbeygeführt, und ich bin nun vom
ersten helden zum theetrinker und salonbekannten herabgesunken, was
viel bequemer und vernünftiger ist. meine frühere stelle hat szechenyi ein-
genommen, und ich habe es zum erstenmale erfahren, daß 25 Jahre den
frauen lieber sind als 35.
BadenBaden 22. februar Abends
ich bin heute hierher gekommen, um mich durch einige tage von dem
frankfurter treiben zu erholen und frische luft zu schöpfen. gesehen habe
ich hier noch niemand, da ich erst am Abende ankam, mit Ausnahme mei-
ner freundinnen marx, bey denen ich thee getrunken habe.
ich denke, in längstens 8 tagen auf dem Wege nach Wien, resp. olmütz zu
seyn. ich hatte vorgestern eine lange unterredung mit gagern, dem ich die
nothwendigkeit vorstellte, daß das reichsministerium endlich einmal die
initiative ergreife (unter andern staatsmännischen eigenschaften scheint
gagern auch die der thätigkeit abzugehen). ich halte gerade den jetzigen
Augenblick dazu für eminent geeignet, da sowohl die nationalversamm-
lung als die regierungen mürbe und traitabel geworden seyn dürften. ich
schlug ihm daher vor, daß, wenn er im Wesentlichen mit meinem Plane ei-
ner neuen Bundesacte einverstanden wäre, ich ohne irgend einen officiellen
charakter nach olmütz gehen wolle, um darüber mit dem österreichischen
ministerium zu verhandeln. nur müsse der erzherzog damit einverstanden
seyn und mir Briefe in diesem sinne mitgeben, weil man in olmütz gegen
gagern ein – unbegründetes – mißtrauen hege. ich stellte ihm übrigens
vor, daß die Bestellung eines einheitlichen oberhauptes (also Preußens)
die hauptschwierigkeit nicht nur in olmütz, sondern auch in den übrigen
staaten bilde, und daß ich mir daher von einer unterhandlung nur dann
einen erfolg verspreche und folglich sie nur dann übernehmen könne, wenn
er und die nationalversammlung diese idee fallen ließen. um diese frage
drehte sich dann unsere lange unterredung. gagern suchte mich mit aller
kraft seiner Beredsamkeit und seiner tiefen überzeugung zu persuadiren,
daß ein directorium nicht nur in praxi unausführbar wäre, sondern auch
noch zur folge hätte, daß Preußen seine speciellen tendenzen und seine
abgesonderte Politik nach innen und nach Außen fortbehalten würde, daß
nur durch seine Berufung an die spitze deutschlands die alte preußische,
oesterreich feindliche Politik unmöglich gemacht und durch eine gesammt-
deutsche absorbirt werden würde. Jedoch überzeugten mich seine gründe
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien