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Tagebücher228
[frankfurt 4. märz]
heute, 4. märz, ist eine österreichische note gekommen, worin ein direc-
torium vorgeschlagen wird, bestehend aus oesterreich und Preußen mit je
2, Bayern mit 1 stimme, die andern regierungen in 4 kreise getheilt mit
zusammen 4, also im ganzen 9, stimmen. von einer volksvertretung keine
rede! dieses wird nun von schmerling mit vielem Pompe angekündigt, mit
diesem speck aber wird man keine mäuse fangen.
die märzsonne brennt warm und schön wie im vollen frühjahr, ein wah-
res revolutionswetter wie vor einem Jahre, auch regt es sich allenthalben,
von der schweiz, frankreich und der ostfriesischen gränze wandern die
deutschen sturmvögel wieder herein, und auf den 16. märz oder wo nicht,
den 5. April ist ein Ausbruch angesagt, dießmal in form einer vesper aller
fürsten, machthaber, reichen und sonstigen „volksfeinde“.
ich gehe seit gestern, 3., wieder ein wenig aus, bin aber noch sehr schwach
und muß Abends früh, 9 uhr, zuhause seyn, es haben sich dießmal eine
menge alte übel eingefunden: gicht, nervenschwäche, halsweh, hämor-
rhoiden etc., die heftige grippe ungerechnet. die homöopathie hat mir sehr
wohl gethan, jedoch werde ich noch eine nachcur brauchen müssen.
[frankfurt] 5. märz Abends
es gibt Zeiten im leben, wo man plötzlich sich um ein Bedeutendes älter
geworden, wie mit einem rucke in seiner eigenen geschichte um ein Be-
deutendes vorwärts geschoben fühlt, und wo sich, ohne daß man recht weiß
warum? eine breite kluft zwischen die vergangenheit der letzten tage und
das unmittelbare Jetzt einschiebt. ein solcher moment scheint mir der ge-
genwärtige für mich, ist es diese kurze krankheit, oder der ominöse märz-
monath, oder das gefühl, daß diese frankfurter episode in meinem leben
nun in den nächsten tagen für mich auf immer zu ende geht, was die ur-
sache davon ist, weiß ich nicht, aber das gefühl habe ich: ein neuer Act des
dramas gehe an.
Wenn ich nun zurückdenke an das viele seit einem Jahre erlebte, in sei-
nen Beziehungen zu mir, so muß ich vor Allem gestehen, daß ich mich von
mancher seite erst jetzt habe kennen lernen, manche andere seite müssen
mir erst spätere Begebnisse aufhellen.
ich bin derselbe geblieben, unter dem Wechsel der ereignisse, die bey-
nahe Jeden um mich ganz anderswohin geführt haben als er wohl dachte,
an mir, das kann ich wohl sagen, sind sie vorübergegangen, ohne mein ur-
theil und meine ruhe einen Augenblick zu berücken, ohne meine überzeu-
gungen zu ändern, wohl aber haben sie sie gekräftigt und geläutert,1 ein
1 „übrigens kann ich, wie nur sehr Wenige, sagen, daß ich mir von Anfang an treu und con-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien