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Tagebücher230
gung war: daß ich zum Befehlen, zum absoluten minister tauge, nicht aber
dorthin, wo ich mich schmiegen und winden muß.
[frankfurt] 9. märz Abends
morgen vormittag reise ich ab, bleibe 2–3 tage nach Berlin [sic], um mir
das dortige terrain anzusehen, und dann nach Wien. heute kam die te-
legraphische nachricht, daß der reichstag aufgelöst und eine verfassung
octroyirt sey, 2 kammern, und für beyde ein census.1 Also keine erbliche
Pairie, wir wären also jetzt wieder dort, wo wir nach dem 25. April und vor
dem 15. Mai waren. Auf so oberflächliche Data hin ist es schwer urthei-
len, aber mir ahnt nichts gutes, eine unitarische constitution paßt für uns
nicht, und ehe Ungarn pacificirt ist, war der Moment der Oktroyirung nicht
gekommen, man müßte dann den früheren dualismus mit ungarn fortbe-
stehen lassen, wo gott vor sey, kurz, wir werden sehen, ich komme zuhause
wieder in eine bewegte see, und das ist mir eben recht, hier fehlte es mir an
Beschäftigung, Wirkungskreis, und an lust und liebe.
cowley, bey dem ich heute mit gagern aß, als letzterer obige depesche
erhielt, konnte seine freude darüber nicht verbergen, und es entfuhr ihm,
daß dieß (nämlich die einheitliche constitution) der Zerfall oesterreichs
sey. Was doch diese Whigs für einen ingrimm gegen oesterreich haben –
warum? kann ich nicht recht begreifen.
schmerling hat den letzten olmützer vorschlag (directorium, 7 regierun-
gen mit 9 stimmen etc.) dem erhaltenen Auftrage gemäß hier mit den Bevoll-
mächtigten der 4 könige besprochen und ausgearbeitet nach olmütz zurück-
geschickt. oesterreich und Preußen sollen jährlich im Präsidio alterniren,
die existenz eines volkshauses ist in dieser hiesigen Bearbeitung voraus-
gesetzt. unklarheit über unklarheit, möge es mir gelingen, diese in olmütz
zu zerstreuen, wo nicht, so machen die minister und der dumme schmerling
einen horrenden fiasco, und oesterreich kriegt eine tüchtige schlappe.2
gagern will mir noch morgen eine Arbeit von ihm über eine unionsakte
schicken, und er will, daß wir correspondiren sollen, was ich gerne thun will.
1 der österreichische reichstag war am 7. märz 1848 aufgelöst worden, gleichzeitig wurde
die mit 4. märz datierte oktroyierte verfassung veröffentlicht. sie sah ein aus den land-
tagen gewähltes ober- und ein in direkter volkswahl (mit steuerzensus) gebildetes unter-
haus vor.
2 „ich habe gar keinen grund zu vermuthen, daß das jetzige ministerium etwas gegen mich
habe, glaube aber auch eben nicht, daß es mir besonders gewogen ist, da ich kein geheim-
nis daraus mache, daß mir seine Politik in der deutschen Frage eine in jeder hinsicht ver-
fehlte erscheint. hat schmerling das vertrauen desselben, so kann ich es nicht haben, denn
wir beyde sind vollständige Antagonisten.“ (Andrian an seine Schwester Gabriele, 8.3.1849;
k. 114, umschlag 662).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien