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23112.
März 1849
Berlin 12. märz Abends
vorgestern 11 uhr früh verließ ich frankfurt, war gestern gegen 5 des mor-
gens in eisenach und fuhr von dort per eisenbahn hieher, wo ich gegen 7
uhr Abends ankam.
in halle begegnete ich heckscher und sommaruga, leider nur im fluge,
während wir die convois wechselten, sie konnten mir daher nur die neue
österreichische verfassung geben, mir sagen, daß sie in oesterreich gut
aufgenommen zu werden schiene, und daß in der deutschen frage nun ent-
scheidende Beschlüsse gefaßt werden sollen, in welchem sinne? dazu war
die Zeit zu kurz, um mir dieses auseinander zu setzen. übrigens scheinen
sie mit ihren Anträgen so ziemlich fiasco gemacht zu haben.
die constitution ist ganz gut, beynahe zu gut, d.h. zu einheitlich, um
ausführbar zu seyn, ist sie dieses, so will ich den ministern meinen herz-
lichsten glückwunsch darbringen, aber von Böhmen und namentlich von
ungarn her besorge ich Widerstand, denn die sonderexistenz dieses letzte-
ren lands hat damit ein ende. übrigens haben die minister nun ein Jahr
Zeit, um zu administriren und zu organisiren, was so sehr noth thut (wenn
nämlich keine neue revolution dazwischen kömmt), denn so lange wird
kein Parlament zusammentreten, bis nämlich die einzelnen landesverfas-
sungen fertig sind, wozu der termin eines Jahres gesetzt ist. Wirklich ha-
ben die minister auch schon damit einen Anfang gemacht, daß sie ein sehr
gutes Ablösungsgesetz erlassen haben.1
in hinsicht auf die deutsche frage scheint mir dieses ereigniß von ent-
scheidender Wichtigkeit zu seyn. mit einer centralisation, wie sie diese
verfassung ausspricht, ist ein Beytritt zu dem deutschen Bundesstaate
schlechterdings unvereinbar, und schmerling wird zum dritten mahle um-
satteln müssen, wenn man ihn nämlich in frankfurt läßt. ohnehin ist das
letzte Project des 7köpfigen Directoriums mit der, von ihm, soviel ich weiß
(unbegreiflicherweise), introducirten Bestimmung des wechselnden Vorsit-
zes zwischen oesterreich und Preußen, für oesterreich eine unmöglichkeit,
und zudem eine ganz unbegreifliche Concession für Preußen, wäre also, wie
ich glaube, in olmütz unter keinen umständen angenommen worden, aus
demselben grunde, aus welchem man hier über dasselbe hoch erfreut war.
Prokesch ist heute in einer außerordentlichen auf diese frage bezüglichen
sendung hier angekommen, ich habe ihn noch nicht gesehen, bin aber sehr
gespannt zu hören, was er bringt.
hier hat die österreichische verfassung elektrisch gewirkt, da man sie
als einen Absagebrief an deutschland ansieht, in folge dessen hat sich die
1 kaiserliches Patent vom 4. märz 1849, wodurch die durchführung der Aufhebung des un-
terthans-verbandes und der entlastung des grund und Bodens angeordnet wird.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien