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März 1849
gegenüber hatte. nach dem theater war reischach (den ich sehr viel sah)
noch lange bey mir zum thee, ich sagte ihm, wie unklug (um nicht mehr zu
sagen) ein solches Benehmen sey, namentlich mir gegenüber, der ich doch
seit märz vorigen Jahres so vielfache und thatsächliche Beweise meiner
loyalen und gutösterreichischen denkungsweise gegeben habe, ich würde
darüber zwar weder Bitterkeit noch rachsucht fühlen, und überhaupt legte
ich der sache keine größere Wichtigkeit bey, als sie verdiene, doch bäthe ich
ihn im Interesse des Hofes selbst, seinen Einfluß dahin anzuwenden, daß
dergleichen Beyspiele sich nicht vervielfältigten, etc. übrigens schwätzten
wir dann noch von hundert gleichgültigen dingen, waren sehr lustig, und
ich hütete mich, auch nur die geringste gereiztheit oder Betroffenheit an
den tag zu legen, wie Breuner es höchst ungeschickter Weise gethan hat.
Aber soviel hat mich dieser kurze Aufenthalt in olmütz gelehrt, daß
schuselka nicht unrecht hatte, als er von einer „Politik der rache“ sprach.
diese, und zwar eine höchst kleinliche, wird in olmütz befolgt, ich sage in
olmütz, denn das ministerium, ob nun aus wahrer freysinnigkeit oder aus
klugheit, spreche ich davon frey, des regrets impuissants und ein bitterer
haß gegen die vermeintlichen Zerstörer des vormärzlichen Paradieses (als
welche man noch immer uns und uns allein ansieht) sind die vorherrschen-
den leidenschaften daselbst, das reicht hin, um anzudeuten, daß ein Weib,
ein beleidigtes, rachsüchtiges Weib dort herrscht, traurig aber ist es, wenn
ein 18jähriger Fürst unter solchen Einflüssen großgezogen wird!
Ich bin also vorläufig in Ungnade, was nicht viel zu bedeuten hat. Ob
ich unter diesen Umständen auch weiter auf die Anträge reflectiren kann,
welche mir stadion wiederholt gemacht hat (nämlich in staatsdienste zu
treten, er fragte mich namentlich, ob ich geneigt wäre, in eine Provinz zu
gehen, worauf ich in allgemeinen Phrasen antwortete), ist eine frage.1 das
hat aber auch nicht viel zu bedeuten, ich hoffe, die Zeit, wo ich angestellt
werden konnte, ist vorüber, und ich werde mich künftig selbst anstellen,
wenn der Augenblick dazu da ist. freilich hatte ich gedacht, es sey für mich
schon die erntezeit gekommen, während ich nun erst wieder säen muß.
1 Am 9.4.1849 schrieb Andrian seiner schwester gabriele (k. 114, umschlag 662): „du
kannst überzeugt seyn, daß ich, wenn es sich nur halbwegs mit meinen Ansichten, meinem
politischen character und den rücksichten, die ich auf meine zukünftige stellung und
rolle nehmen muß, vereinigen läßt, gewiß eine stellung annehmen werde, denn meine
jetzige Beschäftigungslosigkeit nach einem bisher so thätigen leben ist mir fast unerträg-
lich, und ich muß sehr an mir halten, um nicht diesem momentanen Bedürfnisse zu liebe
auf höhere rücksichten zu vergessen. opposition mache ich nicht, außer in der deutschen
frage, und auch da nur in camera caritatis, aber ich fühle mich ebensowenig berufen,
blindlings Alles zu billigen, was geschieht.“
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien