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mir wird hier die Zeit entsetzlich lang, denn ich habe nichts zu thun und
weiß nicht, ob und was ich für eine Beschäftigung suchen soll, ins ministe-
rium treten möchte ich, selbst wenn es mir angebothen würde, aus vielen
gründen nicht, einen bleibenden auswärtigen Posten annehmen ebenso-
wenig, um meinem vaterlande nicht noch fremder zu werden, als ich es in
diesen 10 monaten geworden bin, in eine Provinz gehen, das würde davon
abhängen, in welche? und in der deutschen frage zu wirken, was mir vor
der hand das liebste und Angemessenste wäre, muß ich aufgeben, weil ich
sehe, daß ich hierin das vertrauen des ministeriums nicht habe, man frägt
mich nicht und consultirt mich nicht, sondern geht mit der ganzen Zuver-
sicht schwarzenbergs seinen Weg fort, und dieser ist nicht der meinige,
ebensowenig als in vielen anderen dingen.
Zugleich sehe ich, daß ich während meiner langen Abwesenheit von vie-
len vergessen worden bin, bey Allem dem, was sich seitdem ereignete, ist
dieß kein Wunder. die Popularität meines nahmens, wie ich sie jetzt vor ei-
nem Jahre hatte, ist sehr verringert, und die stimmung, wenigstens soweit
sie mir bis nun bekannt geworden, ist so ultraconservativ geworden, daß ich
selbst vielen zu weit links stehe. von der sogenannten guten gesellschaft,
soweit sie hier ist, spreche ich gar nicht. diese zeigt mir ihre vormärzliche
Abneigung mehr als je, da sie jetzt wieder courage bekommen hat.
[Wien] 8. April morgens
der gang der deutschen frage scheint mir immer mehr recht, unserem ca-
binette aber unrecht geben zu wollen. der könig von Preußen hat am 3. der
deputation die Antwort gegeben, die ich voraussagte, nämlich Annahme im
falle der freien Zustimmung der regierungen. nur auf die – noch zu erfol-
gende – vereinbarung der regierungen mit der nationalversammlung über
die verfassung hat er mehr appuyirt, als ich gedacht hatte, worin ich ihm
aber, besonders bey der ultrademokratischen färbung derselben und na-
mentlich des Wahlgesetzes, vollkommen recht gebe.1 hier aber kann es mit
der nationalversammlung, welche in ihre behauptete omnipotenz verrannt
1 könig friedrich Wilhelm iv. erklärte, seine entscheidung von der freien Zustimmung „der
gekrönten häupter, der fürsten und städte“ und der genehmigung der reichsverfassung
durch die einzelstaaten abhängig zu machen, nachdem sie geprüft hätten, ob diese „dem
einzelnen wie dem ganzen frommt, ob die mir zugedachten rechte mich in den stand
setzen würden, mit starker hand, wie ein solcher Beruf es von mir fordert, die geschicke
des großen deutschen vaterlandes zu leiten und die hoffnungen seines volkes zu erfüllen.“
er stehe jedoch bereit, deutschland „gegen äußere und innere gefahr […] auch ohne ruf“
zu verteidigen. „ich werde dann getrost den Weg meines hauses und meines volkes gehen,
den Weg der deutschen ehre und treue.“ die deputation fasste dies als Ablehnung auf und
reiste ab.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien