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einlegen.1 dort ist nichts Bedeutendes vorgefallen. die preußische re-
gierung hat sich gegen, die 2. kammer für die unbedingte Annahme der
frankfurter verfassung erklärt, ebenso ist es in sachsen ergangen, es dürf-
ten nun in beyden Ländern Kammerauflösungen folgen,2 doch glaube ich
nicht, daß bey den radicalen Wahlgesetzen derselben die neuen kammern
viel anders ausfallen werden. Bayern und hannover schweigen, in Wür-
temberg ist es schon zum offenen Conflict gekommen, und der König hat die
hauptstadt verlassen, lauter folgen jener unvernünftigen kaiseridee und
der radicalen verfassung, welche man, um jene idee durchzusetzen, in so
unwürdiger hast gepantscht hat. deutschland war einer revolution noch
nie so nahe als jetzt, dank dem edlen gagern und consorten. chi troppo
abbraccia, nulla stringe, es wäre wirklich möglich, daß schwarzenberg das
unverdiente glück hätte, seine ungeschicklichkeiten durch die noch grö-
ßern der nationalversammlung gutgemacht zu sehen.
ich bin froh, aus der geschichte heraus zu seyn, und glaube wirklich, daß
es in jeder Beziehung das Beste für mich ist, mich im hintergrunde zu hal-
ten und sogar von hier fortzugehen, es hält mich jetzt nur noch eine sache
hier auf, und diese ist der Wiener Bote, ein populäres spottschlechtes Blatt
zur Belehrung des landvolkes, welches das comité bey Pereira gegründet
hat,3 der redacteur der „Presse“, welcher es bisher redigirte, hat uns ge-
kündiget, und ich wurde gebeten, wegen dessen fortbestehen Anstalten
zu machen, was ich in der Absicht übernommen habe, hieraus ein größe-
res Journal zu machen und die oberleitung desselben zu behalten. daraus
könnte allerdings eine macht werden, wie es die „Presse“ zum theile schon
geworden ist (sie zählt 15.000 Abonnenten). Jedoch ist die mehrheit des co-
mités so ultraconservativ, wahre fanatiker der ordnung, vor Allen Pereira
und Fries, daß ich an dem Gelingen zweifle.
[Wien] 29. April Abends
das hauptquartier ist nach Presburg verlegt und somit ungarn beynahe
geräumt. die Belagerung von comorn aufgegeben. Welden hat circa 50.000
1 Andrian blieb bis zur Auflösung Mitglied der Nationalversammlung, auch in den nament-
lichen Abstimmungen des stuttgarter rumpfparlaments wird er weiter unter den unent-
schuldigt fehlenden verzeichnet. die Angabe in heinrich Best und Wilhelm Weege, Bio-
graphisches handbuch der Abgeordneten der frankfurter nationalversammlung 1848/49
(düsseldorf 1996), er wäre mit 30. märz 1849 ausgetreten, ist daher unschlüssig. nach den
stenographischen Protokollen nahm er letztmals am 9. märz an einer Abstimmung teil, am
tag darauf verließ er frankfurt.
2 die zweite kammer des preußischen landtags wurde am 26. April 1849, die sächsische
landesvertretung zwei tage später aufgelöst.
3 die tageszeitung der Wiener Bote erschien seit 15.2.1849.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien