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Mai 1849
(was ich jetzt, da die nationalversammlung sich gar so heillos ungeschickt
benimmt, beynahe glaube), will ich mich darüber freuen.
die nationalversammlung muß bey allen vernünftigen immer mehr Bo-
den verlieren, so hat sie jetzt votirt, daß der Präsident gehalten sey, auf
Begehren von 100 mitgliedern außerordentliche sitzungen auch außerhalb
frankfurt (!!) zu berufen, daß sie mit 150 Anwesenden beschlußfähig sey
etc.1 sie stellt sich ganz auf den Boden der revolution, wird diese auch
vielleicht in einigen theilen süddeutschlands hervorrufen, aber dann unter
Blut und spectakel zu grunde gehen, sie wäre denn noch im letzten Augen-
blicke so vernünftig, auf eine 3. lesung einzugehen, was ich schon vor 14
tagen an rotenhan nach frankfurt schrieb, ich kann dieß aber kaum mehr
für wahrscheinlich halten.
Auch in italien geht es nicht brillant. venedig will nicht fallen, die frie-
densverhandlungen mit Piemont sind ins stocken gerathen, angeblich we-
gen übertriebener geldforderungen oesterreichs (220 millionen franken),
und frankreich und england haben wieder ihre hand im spiele, übrigens
wird die französische expedition jetzt schon in rom seyn, was für uns sehr
vortheilhaft ist.2
mich langweilt meine hiesige unthätigkeit, das ganze hiesige leben und
vor Allem die unbehaglichkeit unserer Zustände, und sobald es recht warm
und schön wird, in 10–12 tagen, will ich fort, nach oberoesterreich, tyrol,
die schweiz, gleichviel, schöne gegend, ruhe und muße, das ist es, was ich
suche.
Ich habe jetzt zum Theile angefangen, meine frühern brieflichen Ver-
bindungen wieder anzuknüpfen, von gustav lerchenfeld habe ich so eben
eine Antwort erhalten, er sieht sehr trübe, meint aber auch, daß Bayern
sich dem Bundesstaate nicht werde entziehen können.3 rotenhan hat mir
1 die Bestimmungen, dass das Präsidium berechtigt ist, jederzeit und an jedem ort außer-
ordentliche sitzungen anzuberaumen, eine solche auf des verlangen von 100 mitgliedern
einberufen werden muss, und die Beschlussfähigkeit bei 150 anwesenden Abgeordneten
gegeben ist, wurden am 30.4.1849 verabschiedet. noch weiter gehende Anträge (senkung
des Quorums auf 100, einberufung nach Antrag von 50 Abgeordneten) blieben in der min-
derheit.
2 die römische regierung kapitulierte am 3.7.1849 vor den französischen interventionstrup-
pen. Papst Pius iX. kehrte erst am 12.4.1850 aus dem neapolitanischen gaeta nach rom
zurück.
3 frh. gustav v. lerchenfeld an Andrian, Bamberg 28.4.1849 (k. 115, umschlag 664): „man
hat, und mit vollem rechte, den fürsten vorgeworfen, daß sie nichts gelernt und nichts
vergessen haben, daß sie für die Bedürfnisse der Zeit kein Auge haben, ohne drängende
nothwendigkeit kein Zugeständniß zu machen wissen, sich Alles widerwillig und gezwun-
gen entreißen lassen und, ist der sturm vorüber, wieder möglichst in die alten Bahnen
einlenken. leider haben die völker, oder vielmehr ihre zum theil höchst unberufenen
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien