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Mai 1849
ins hauptquartier. dort ist vor der hand nichts verändert, die truppen
sammeln sich von allen seiten, die reservekorps am marchfelde und bey
Pettau formiren sich rasch, die russen sind am 3. in galizien eingerückt, es
werden circa 100.000 mann seyn, doch ist es noch immer ungewiß, wo und
wie sie in ungarn einbrechen, das hängt von den Bewegungen görgeys ab,
welcher seit 14 tagen wie verschwunden ist, unser spionenwesen ist elend.
Wir sind in Bologna eingerückt, malghera wird beschossen, venedig
zur see blokirt, die friedensunterhandlungen sind unterbrochen, doch
hofft man auf einen baldigen Abschluß, moyennant 100 millionen franken
kriegskosten.
mich beschäftiget jetzt die gründung eines Blattes oder vielmehr die
Beschaffung der dazu nöthigen geldmittel. mit dem Pereiraschen comité
wäre nichts anzufangen, ich will die sache selbstständig in die hand neh-
men, ein Blatt, welches die organischen, administrativen, inneren interes-
sen der monarchie verständig bespricht, anstatt wie die hiesigen Blätter
bloße caffehhauspolitik zu treiben, muß fortgang haben, und selbst die
politische farbe der hiesigen Blätter läßt viel zu wünschen übrig. die ost-
deutsche Post ist zu boshaft oppositionell, die Presse schwankt, die mini-
steriellen Blätter sind elend, mein Blatt müßte so gehalten werden, daß es
das organ des zukünftigen cabinetts werden könnte, das ist der Weg, um
Einfluß und Macht zu gewinnen, und meine Stellung, Vergangenheit und
verbindungen im in- und Auslande sind dazu eminent geeignet.
[Wien] 12. may
der kaiser war in Preßburg und göding, um über die einrückenden rus-
sen heerschau zu halten, in ungarn nichts neues, beyderseits scheint man
kräfte zu sammeln, doch sollen unter den insurgenten bereits bedeutende
scissionen entstanden seyn in folge des entthronungsbeschlusses.1 ofen
wird von den ungarn und en revanche Pesth von ofen aus bombardirt.
Prag ist in Belagerungsstand, dort wie in Breslau sollte es gleichzeitig mit
dresden losbrechen, und man vermuthet, daß görgey in diesem falle über
schlesien nach Posen einbrechen sollte, wieder diese Polenhunde.
dresden ist unterworfen und der reichscommissär, den gagern, unge-
schickt genug, hin beordert hatte, nicht angenommen worden. rheinbay-
ern ist in vollem Aufstande für die reichsverfassung und will im falle der
nichtanerkennung sich von Bayern trennen, auch da hat gagern einen
reichscommissär hingeschickt, und zwar – eisenstuck!! – – der auch, wie
zu erwarten war, ganz im sinne der Aufständischen handelt. Bayern hat
1 der am 14. April 1849 gefasste Beschluss des ungarischen reichstags in debreczen über
die Absetzung des hauses habsburg-lothringen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien