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Tagebücher256
gegen diese sendung protestirt. ein 3. reichscommissär geht nach hom-
burg mit einem corps oesterreicher, um die spielbank zu schließen! so en-
digt die sache mit einer krähwinkliade! in frankfurt selbst geht es heillos
zu, die märzvereine dominiren dort,1 in jeder sitzung gibt es furchtbaren
skandal, und die gallerieen sind ärger als je zuvor. die ganze geschichte
wird zugleich ekelhaft und peinlich. inzwischen kommt die von Preußen
in Aussicht gestellte octroyirung wie es scheint nicht zu stande, weil, wie
ich von Anfang an voraussagte, die regierungen sich nicht vereinigen kön-
nen. die die reichsverfassung bereits anerkannt haben, sind von vornher-
ein verhindert, sich dabey zu betheiligen, und selbst die übrigen divergiren
in der oberhauptsfrage, da Preußen eine einheitliche spitze, die Anderen
dagegen ein directorium wollen. Also überall unvernunft, in frankfurt wie
bey den hochweisen cabinetten.
Die finanziellen Schwierigkeiten, welche sich der Begründung eines
Blattes unter den jetzigen verhältnissen entgegenstellen, sind größer als
ich dachte, und ich will, so sehr mich auch seidlitz drängt, nichts übereilen
und nicht etwa mit ungewissen kräften beginnen, sondern lieber, wenn
es seyn muß, die sachen um einige monathe verschieben. ohnehin muß
ich jetzt auf ein paar Wochen ins gebirge, um mich von meinem hiesigen
nichtsthun zu erholen, welches mich ganz krank und nervous gemacht hat.
stadion ist noch immer abwesend, wohl noch auf lange.
Bruck/mur 17. may Abends
vorgestern fuhr ich von Wien nach Baden, wo ich übernachtete, tags darauf
nach gloggnitz, und wanderte in den Bergen umher, nach s. christoph zu
meiner römischen alten freundin louise Almásy, von da nach reichenau
zu Wassnix,2 dann wieder zu l. Almásy zurück, wo ich aß etc. in der nacht
fuhr ich über den semmering und war früh am morgen hier, in dieser
himmlischen gegend.
Als ich von Wien fortging, war man daran, in ungarn, da nun schon be-
deutende truppenmassen von russen da sind, die offensive zu ergreifen.
das ministerium gagern war abgetreten, weil erzherzog Johann sein Pro-
gramm über die Art der durchführung der verfassung nicht genehmiget
hatte, darüber großer sturm in der nationalversammlung und zwar nun-
mehr persönlich gegen den reichsverweser, welcher übrigens einer an ihn
abgesandten deputation der nationalversammlung eine sehr kräftige Ant-
1 im november 1848 hatten die linken fraktionen in der nationalversammlung den Zent-
ralmärzverein zur verteidigung der errungenschaften der revolution von 1848 gegründet,
daneben existierten weitere vereinigungen mit demselben Ziel.
2 richtig Waißnix, gemeint ist der im Besitz dieser Familie sich befindliche Gasthof Thalhof.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien