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Mai 1849
an und trank dort in ihrer und ihres mannes, dann zweyer comtessen ser-
mage [gesellschaft] (Zedlitz und ihre beyden töchter sind abwesend) thee.
heute vormittag ging ich nach dem grundelsee, der mich entzückte, schön
wäre es, sich dort ein stilles häuschen bauen zu können. Ja wer die ruhe
in sich dazu hätte. nachmittags 5 uhr fuhr ich fort und hieher, ein magni-
fiquer Weg, kurz Alles was ich bisher gesehen entzückt mich.
und dennoch drängt es mich nach Wien, es geschieht soviel in der Welt,
daß ich nicht ruhig hier sitzen und genießen kann. hier vollends sind viel
zu viele menschen, und zwar Wiener menschen für mich, ich will thätig-
keit, wo nicht, einsamkeit. einsamkeit à deux, wohlverstanden, denn so
ganz allein wäre es denn doch nicht auszuhalten. ich erwarte nun morgen
früh nachricht von gabrielle aus salzburg, der ich in ebensee, gmunden
etc. rendezvous gegeben habe, weil ich den leuten in salzburg ausweichen
möchte, kann sie nicht kommen, so gehe ich vielleicht auf einen tag nach
salzburg, dann aber directe nach Wien, denn ich habe eine Ahnung, daß,
wenn ich dort geblieben wäre, es in der deutschen sache für mich zu thun
gegeben hätte.
ich schrieb neulich von Bruck an Bach, es sey dringend nothwendig, daß
die nationalversammlung unverzüglich aufgelöst werde, und man möge
erzherzog Johann deßwegen einen Wink geben, der mann ist ein solcher
schwächling, daß er sich unaufgefordert zu nichts energischem entschlie-
ßen wird, geschieht es aber nicht, so haben wir einen convent, oder viel-
mehr, wir haben ihn jetzt schon. seitdem habe ich die Bildung des neuen
reichsministeriums erfahren – grävell!!! – detmold, Jochmus, merk. das
nonplusultra des lächerlichen! Also wird das ganze zu einer farce, es
wäre denn, daß der erzherzog plötzlich ein mann geworden wäre und durch
diese unbedeutenden männer (wovon ich zwar detmold und in gewisser
Beziehung auch Jochmus ausnehme) energisch und selbst handeln wollte,
was ich aber kaum glaube.
mittlerweile ist Baden und rheinbayern in voller revolution, der großher-
zog flüchtig, Rastatt in den Händen der republikanischen Regierung, welche
zwar bis jetzt das Wort republik sorgfältig vermeidet. in rheinpreußen, ja
in Westphalen allenthalben Aufruhr, in frankfurt selbst die größte Aufre-
gung, sowie auch in Bayern, wo die am 17. wieder eröffneten kammern auf
Anerkennung der reichsverfassung dringen. inzwischen steht eine franzö-
sische Beobachtungsarmée am rhein, von der ich zwar vor der hand nichts
befürchte, als daß sie im nahmen der ordnung interveniren könnte, kurz die
dinge kommen jetzt zum klappen, und wenn im Jahre 1848 viel gesprochen
wurde, so könnte im Jahre 1849 dreingeschlagen werden, sollten wir wirk-
lich erst am Anfange der revolution stehen? Wenn nicht die gutgesinnten,
die Bürger, die Besitzenden endlich aufstehen und blutig dreinschlagen, so
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien