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Tagebücher262
Wien 27. may Abends
vorgestern nachmittag kam ich hier an.
ich bin sehr leidend an gicht- und Zahnschmerzen, vorzüglich an erste-
ren, die mir tag und nacht keine ruhe lassen. dr. schönbeck will mich
nach gastein schicken.
der kaiser kam vorgestern von Warschau zurück, wo der operations-
plan gegen ungarn festgesetzt wurde, namentlich bezüglich der oberlei-
tung derselben, da bisher Welden von den russen und diese von Welden
nichts wissen, was ausgemacht wurde, ist noch ein geheimniß, doch wer-
den die operationen nun endlich beginnen. es ist eine langsamkeit, eine
dunkelheit und schlendrian in dieser ganzen geschichte, die zum verzwei-
feln sind. Haynau wird aus Mestre, wo er vortrefflich wirkte, ad latus Wel-
dens berufen, ohne dessen Wissen, ja zu dessen verdrusse. lato Wrbna,
der notorisch wegen seiner unfähigkeit pensionirt wurde, erscheint nun im
amtlichen verzeichnisse unter den von seiner majestät belobten, die alte
unfähigkeit zu belohnen und zu strafen etc. man erfährt nichts gewisses,
dagegen gerüchte über gerüchte.
ofen ist nach 3tägigem stürmen genommen worden und general hentzi
geblieben,1 ein großer moralischer nachtheil für uns und vielleicht auch ein
militärischer, wenn nämlich die insurgenten Zeit haben, die umliegenden
höhen zu besetzen, wozu wir in 6 monathen die Zeit nicht fanden. Aber auch
darüber erfährt man offiziell Nichts, ein Extrablatt der (amtlichen!) Wiener
Zeitung, welche heute früh diese nachricht gab, wurde ein paar stunden
später verbothen und der Verkauf sistirt! Übrigens war auf die Pfingstfeier-
tage, heute und morgen, ein crawall angesagt, wozu die Ankunft der erz-
herzogin sophie die veranlassung seyn sollte, überhaupt ist die stimmung
hier mit Ausnahme der Wohlhabenden so schlecht als möglich.
die lage wird immer kritischer, welch ein Abstand gegen die stellung
des ministeriums vor 2 monathen! in italien noch kein friede, während die
franzosen, freilich vor der hand nur gegen rom, schon an 30.000 mann
dort haben, die russische intervention scheint zu ersten verwickelungen
führen zu sollen, frankreich hat energische vorstellungen gemacht, und
Palmerston, der nun wenigstens vor der hand wieder fest steht, wird uns
unsere stellung auch nicht erleichtern, in ungarn scheint trotz der re-
publik allgemeiner enthusiasmus zu herrschen, und wir machen fehler
ohne ende und wissen niemand für uns zu gewinnen, kurz ganz die alte
misére. in deutschland geht Alles drunter und drüber, und die regierun-
gen sind noch lange nicht so weit, als ich den Zeitungsnachrichten zufolge
1 General Heinrich v. Hentzi fiel am 21.5.1849 bei der Verteidigung der von ihm komman-
dierten festung ofen gegen die ungarischen truppen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien