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Mai 1849
dachte. schwarzenberg gibt nicht nach und beharrt bocksteif auf seinen
frühern Anträgen. Wenn sich die deutschen regierungen noch lange von
hier aus hänseln lassen, so kömmt es zu einem totalen umsturze der dinge
in deutschland und dann vielleicht zu einem europäischen kriege, und sind
wir dem jetzt gewachsen? – – dazu das verstümmelte ministerium, in dem
3 Portefeuilles unbesetzt sind, und wo eigentlich schwarzenberg der ein-
zige politische kopf (und ein solcher, daß gott erbarme) ist.1
die nationalversammlung scheint wirklich, wenigstens de facto, aufge-
löst, am 22. war keine beschlußfähige Anzahl mehr vorhanden, doch genügt
mir eine solche factische Auflösung nicht, da die Nationalversammlung
dann jeden Augenblick wieder vollzählig werden kann,2 ich hatte eine halbe
Idee, nach Frankfurt zu gehen und den Erzherzog zur Auflösung (wozu er
keine lust zu haben scheint) zu bewegen, zugleich aber auch in Berlin en-
ergisch auf einer lösung zu bestehen. ich sprach davon am Abende meiner
Ankunft mit Bach, natürlich nur den ersten theil meines Planes erwäh-
nend, da ich aber seitdem nichts weiter vernommen habe, so scheint man
im ministerium klüglicherweise mir nicht zu trauen. ohne eine solche aus-
drückliche Aufforderung mag ich aber nicht gehen, weil ich sonst beym erz-
herzoge nicht durchdringen würde, überhaupt ist die sache schon zu weit
gediehen und die entfernung von hier zu groß.
[Wien] 31. may vormittags
Wir sind im hohen sommer, schöne drückend warme tage, aber mich pei-
nigen gicht- und Zahnschmerzen, und mehr als beydes meine Beschäfti-
gungslosigkeit, heute kömmt gabrielle von salzburg, ich freue mich, sie
nach beynahe 13 monathen zu sehen. dann aber will ich in ein Bad.
Welden hat sein commando niedergelegt!3 veranlassung zu diesem un-
erwarteten schritte war lediglich die ungeheuere Aufregung, in die sich der
mann (der schon ein paarmal in früherer Zeit nahe daran war, ein narr
zu werden) hineingearbeitet hat. eine sonderbare generation! der eine
1 ministerpräsident fürst felix schwarzenberg leitete zusätzlich das Außenministerium.
durch die erkrankung von graf franz stadion war außer dem innen- auch das von ihm
provisorisch geleitete unterrichtsministerium unbesetzt.
2 die sitzung am 21., nicht 22.5.1849 endete, nachdem sich bei der namentlichen Abstim-
mung über die senkung des Quorums auf 100 Abgeordnete herausstellte, dass die not-
wendige Zahl von 150 Anwesenden nicht mehr gegeben war. die nächste sitzung fand am
24.5.1849 statt, nach namensaufruf waren 155 Abgeordnete im saal, und der Antrag auf
senkung des Quorums auf 100 Abgeordnete wurde bei genau 150 abstimmenden mitglie-
dern mit 115 zu 35 angenommen.
3 frh. franz v. Welden hatte am 26.5.1849 um seine enthebung gebeten, sie wurde am 30.
mai vom kaiser genehmigt. sein nachfolger als oberkommandant der Armee in ungarn
wurde frh. Julius v. haynau.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien