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Tagebücher264
wird ein narr, wenn er 3 monathe minister,1 der Andere wenn er 6 Wo-
chen general en chef war. es wird nun wahrscheinlich dahin kommen, daß
Paskewitsch (unter dem nominellen oberbefehle unsres kaisers) sämmtli-
che russische und österreichische truppen in ungarn commandiren wird.
Wie dieses auf den Geist unserer Armée (welcher durch diesen häufigen
commandowechsel ohnehin nur verlieren kann) wirken wird, scheint mir
ziemlich ausgemacht. übrigens ist die hauptsache die, daß es bald und
kräftig losgehe. Alle tage heißt es morgen. nun sind wir im may, und die
ungesunde Jahreszeit ist vor der thür. noch immer die alte langsamkeit,
die alten intriguen und das alte geheimthuen.
Was hat also der große Welden geleistet? daß er in unwürdiger hast
bis Pressburg zurücklief, die brave garnison von ofen ohne noth aufop-
ferte und, als es zum losschlagen kommen sollte, davonrannte. und was
viel wichtiger ist, unsere sache leidet durch die moralische Wirkung dieses
schrittes. haynau übernimmt das commando.
kurz, es geht schlecht, spottschlecht, nach allen seiten hin, gegen ita-
lien, deutschland etc. ebenso wie gegen ungarn. Wann wird schwarzen-
berg einsehen, daß er ein krautkopf ist? ich glaube nie, und eine treibende
gewalt ist zur Zeit nicht vorhanden, er aber, er ganz allein, ist das ministe-
rium und hat nebstdem den jungen kaiser ganz im sacke. man kann daher
jetzt nichts thun als abwarten, bis der reichstag, die landtage oder an-
dere nicht vorherzusehende verhältnisse eine gelegenheit geben werden,
die regierung auf bessere Wege zu bringen, car il n’y a par de doute que le
gouvernement actuel marche sur la pente de la réaction, et d’une réaction
maladroite, parceque passionnée, sur laquelle il se sent de jour en jour plus
entrainé, das ist auch die ursache, weßhalb ich meine Absicht ein Journal
zu gründen, vorerst aufgegeben habe, ich könnte jetzt nur in den meisten
fragen opposition machen, und das ist bey der unreife unserer Bevölke-
rung eine gefährliche sache.
die nationalversammlung hat am 24. eine beschlußfähige Anzahl zu-
sammengebracht und ihre Beschlußfähigkeit für die Zukunft auf 100 An-
wesende reducirt, ihr leben ist also vor der hand gefristet, es herrscht
nun aber auch ausschließlich die linke. das ministerium ist insofern ganz
gescheidt, daß es sich um die nationalversammlung gar nicht kümmert
und meinen längst ausgesprochenen grundsatz annimmt: daß es die majo-
ritäten der nationalversammlung gar nicht brauche. es wäre aber Zeit, daß
gegen diese sowol als gegen die insurrection in Baden und der Pfalz, na-
mentlich zur Wiedergewinnung von landau und rastadt, etwas geschehe,
sonst sind un beau matin die franzosen drin.
1 gemeint ist der schwer erkrankte innenminister graf franz stadion.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien