Page - 272 - in „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Volume II
Image of the Page - 272 -
Text of the Page - 272 -
Tagebücher272
Preußen dort seyn, denn sie haben am 21. und 22. heidelberg und mann-
heim genommen, die geschichte ist also aus. Zitz, struve und mithunds-
fötter sind geflüchtet, den Hans Dampf Ravaux hat bey seiner Ankunft in
Baden der schlag gerührt, requiescat in pace.
ich bin auf die resultate der gothaer versammlung begierig, ich denke,
sie werden sich für vermittelung mit Preußen und daher Beschickung des
revisionsreichstages aussprechen, es sind dann für den dreykönigsentwurf
sämmtliche staaten außer Bayern und Würtemberg gewonnen, ich glaube
nicht, daß letzteres zurückbleiben wird, und Bayern wird wenigstens den
reichstag beschicken. von diesem hängt also das gelingen des ganzen ab,
und da ist allerdings für oesterreich und Bayern Zeit und feld zur intrigue
gegeben. von der Pfordten ist jetzt in Berlin. schwarzenbergs Plan ist jetzt
(denn es ist ein wahrer Proteus auf fließpapier) ein bayerisches süd- und
ein preußisches norddeutschland und oesterreich als drittes, erstes und
größtes, recht hübsch wenn es ausführbar wäre.
ich war vorgestern in Wien. nichts Besonderes dort, die minister faulen
langsam ab, der kaiser ist gestern zur Armee abgegangen.
[Baden] 30. Juny
Auch die politische organisation ist nun erschienen, statthalter, kreisprä-
sidenten und Bezirkshauptleute, ganz der bekannte entwurf,1 wieder keine
spur von selfgovernment und eine ungeheure vermehrung der Beamten,
es wird einer zweyten revolution bedürfen, um das abzuschütteln, was uns
diese Minister aufhalsen. Die definitive Organisirung und Eintheilung der
einzelnen kronländer (mit Ausnahme von ungarn und italien, galizien
und dalmatien) so wie die landesverfassungen für dieselben wird in nahe
Aussicht gestellt, doch erzählt mir fries, bey dem ich neulich in vöslau
aß, und der ein mitglied der commission zur entwerfung der niederöster-
reichischen landesverfassung ist, daß sie so bureaukratisch als möglich
ausfallen werde, indem die Beamten durchaus nichts wesentliches von ih-
rer gewalt aus den händen geben wollen, daher auch die idee eines perma-
nenten ständischen Ausschusses als eines Administrativorgans aufgegeben
sey, welches ich übrigens ganz billige, administriren sollen die repräsen-
tativkörper nicht, das zeigt die geschichte der deutschen landstände des
mittelalters zur genüge. ich bin neugierig, ob man bey der Wahl der statt-
halter an mich denken wird.
sammlung fand nicht mehr statt. Am 19. Juni verfügte das stuttgarter innenministerium
die Ausweisung sämtlicher nicht-württembergischer Abgeordneter.
1 die grundzüge für die organisation der politischen verwaltungsbehörden wurden am
26.6.1849 erlassen, die ersten durchführungsbestimmungen erschienen am 9. August.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien