Page - 275 - in „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Volume II
Image of the Page - 275 -
Text of the Page - 275 -
2759.
Juli 1849
scheinen selbst unter sich immer weniger einig zu werden, namentlich ist
dieses bey hannover der fall, und ich glaube, daß die idee des directori-
ums nichts weniger als an terrain verloren hat, so sehr sich auch Preußen
dagegen ausspricht, was freylich mit seinem eigenen Ausspruche in der
circularnote vom 23. Jänner dieses Jahres im directen Widerspruche ist.
freylich liegt wieder das stupide votum der nationalversammlung vom 28.
märz dazwischen, wodurch Preußen, wie es sagt, ein Anrecht erhalten hat,1
so wirkt also die dummheit gagerns etc. fort.
die instructionen etc. zur einführung der neuen politischen organisa-
tion sind erschienen. Ziemlich unbedeutend. eines aber, was ich mißbillige
weil ganz im alten bureaukratischen schlendrian, ist, daß die ernennun-
gen über vorschlag der jetzigen länderchefs geschehen, und erst dann die
statthalter und kreispräsidenten ernannt werden sollen, ich hätte das ge-
gentheil gewünscht,2 überhaupt nehme ich zurück, was ich vor ein paar
monathen schrieb: daß ich die minister um ihr Werk beneide. so wie es jetzt
da steht und sich entwickelt, freue ich mich, daß ich keinen theil daran
gehabt habe. vielleicht ist es mir beschieden, dereinst das wahre gebäude
aufzuführen und meine alten pia desideria zu verwirklichen.
[Baden] 9. July
der kaiser ist von der Armee zurück in Wien eingetroffen. Paskewitsch
ist in Waitzen, hat also Pesth als unwichtig liegen lassen und scheint mit
haynau vereint einen hauptschlag gegen görgey führen zu wollen. kos-
suth hat einen fulminanten Aufruf zu einem kreuzzuge erlassen und den
landtag nach szegedin verlegt. der kaiser soll mit haynau, namentlich
wegen der schlacht bey comorn, unzufrieden seyn, und es war die rede,
ihn durch schlick zu ersetzen.
die landesverfassungen sind fertig und werden demnächst erscheinen,
ebenso die Wahlordnungen,3 bis 1. november sollen die neuen administra-
tiven und richterlichen Behörden eingerichtet seyn und bald darauf die
landtage berufen werden. ich glaube, die regierung hofft, in diesen, so wie
1 Zur preußischen Zirkulardepesche v. 23.1.1849 siehe eintrag v. 26.1.1849. Am 28. märz
hatte die nationalversammlung den preußischen könig zum kaiser gewählt.
2 in den instruktionen zu den grundzügen für die organisation der politischen verwaltungs-
behörden vom 26.6.1849 hieß es, die landeskommissionen unter vorsitz des landes-chefs
hätten für alle dienstposten mit Ausnahme der statthalter, kreispräsidenten und statt-
haltereiräte vorschläge an das innenministerium zu erstatten. für die ausgenommenen
höchsten Posten „behält der minister sich bevor, ihm zweckdienlich scheinende vorschläge
abzufordern.“
3 die landesverfassungen und Wahlordnungen für die landtage wurden im februar 1850
erlassen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien