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Tagebücher280
Wegen Piemont werden wir in 1–2 tagen entweder den friedenstraktat
oder die Wiederaufnahme der feindseligkeiten erfahren. radetzky hat ca-
tegorisch gesprochen und die truppen an die grenze vorrücken lassen.
Wegen der ministercombination ist es vor der hand wieder stille, doch
scheint es, daß schmerling wirklich eintreten wird, mit leo thun wird we-
gen des unterrichtsministeriums noch verhandelt, nimmt er an, so steht
schmerling ganz allein gegen lauter Anhänger schwarzenbergs, ich be-
greife ihn nicht, oder vielmehr ich begreife ihn sehr wohl, es ist die eitel-
keit. – – ich kann nicht läugnen, daß auch ich meine dosis eitelkeit habe,
und mehr noch als eitelkeit l’amour du pouvoir, und daß für diese beyden
gefühle ein Portefeuille unter günstigen verhältnissen (welche freylich für
mich jetzt nicht vorhanden sind) eine momentane Befriedigung gewähren
würde. Jedoch blicke ich weiter als in die nächste Zukunft, und je stür-
mischer sich unser horizont gestaltet, desto mehr rechtfertigen sich die
kühnsten, ja die extravagantest scheinenden erwartungen. der wahre Au-
genblick wird der erste reichstag seyn, an dessen Zustandekommen ich
trotz aller Zweifel, die ich hören muß, glaube, jetzt und bis dahin ist nur die
Periode der Abnützungen, dann aber wird es Zeit seyn, den ersten stein zu
legen.
ich bade jetzt, nachdem ich im theresienbade 31 Bäder genommen, im
frauenbade, welches bey weitem kräftiger ist, und von dem ich mir viel ver-
spreche, ich habe das vollbad für mich genommen, bade um 12 uhr und soll
im ganzen 10 Bäder nehmen, wovon ich 3 bereits im leibe habe. ich denke
also, in etwa 14 tagen fertig zu seyn und dann Baden zu verlassen – wohin?
weiß ich noch nicht, vor der hand jedenfalls nach Wien.
ich habe jetzt rousseau’s contrat social durchgelesen und mich gewun-
dert, wie solcher unsinn und unpraktisches Zeug seinerzeit zu so hohen
ehren kommen konnte, der mann hat viel in seinem cabinette gedacht und
gegrübelt, beobachtet aber und die menschliche natur studirt scheint er
gar nicht zu haben.
[Baden] 1. August
das ministerium ist vervollständigt, schmerling Justiz, leo thun unter-
richt. Wir wollen sehen, ob und wie lange das hält, ich halte schmerling für
klug genug, um Bedingungen gestellt zu haben, glaube aber, daß er trotz
alle dem nichts weiter seyn wird als ein schleppträger schwarzenbergs. ich
war vorgestern über nacht in Wien, traf aber schmerling nicht, habe also
darüber nichts erfahren.
eine dritte organisation, die der steuerämter (für directe steuern), wel-
che auch die grundbücher zu führen haben werden, ist nun erschienen.
Wir haben also jetzt 3 Behörden für jeden Bezirk: Bezirksgericht, Bezirks-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien