Page - 281 - in „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Volume II
Image of the Page - 281 -
Text of the Page - 281 -
2811.
August 1849
hauptmannschaft und steueramt!! wo will das hinaus?! das Budget des
Justizministeriums allein steigt in folge dieser reorganisirung von 2 auf 7
millionen!!
in ungarn dauert die treibjagd auf görgey und dembinski fort, kein
neues ereigniß von Bedeutung, inzwischen wird brav verhaftet, Bischöfe ab-
gesetzt (darunter lonovics!!), contributionen aufgelegt, donnernde Prokla-
mationen erlassen, kossuthsche Banknoten, das einzige geld des landes,
verbrannt,1 aber nicht ein Wort zur Beruhigung der aufgeregten gemüther.
geht es so fort, so folgt daraus für ungarn ein jahrelanger Belagerungszu-
stand mit einer Besatzung von 150.000 mann in einem zu grunde gerichte-
ten lande. daher auch so lange kein allgemeiner reichstag. das mag man-
chem sehr erwünscht seyn, vor Allem dem kaiser von rußland. daher ist es
auch medem, der immer von allen versöhnlichen schritten abräth, und sein
Einfluß ist leider fast unbeschränkt. Voilá où nous en sommes. Palmerstons
letzte rede, worin er bey allen freundschaftsäußerungen für oesterreich
doch starke sympathieen für ungarn und den Wunsch einer friedlichen
Beylegung aussprach, hat daher hier sehr verletzt und im ministeriellen
lloyd geharnischte und sehr unpassende Antworten hervorgerufen.2
metzburg hat aus mailand den entwurf des friedenstraktates über-
bracht. das ministerium hat ihn mit Ausnahme des Artikels gutgeheißen,
worin für die flüchtigen Lombarden Amnestie stipulirt wird, da Oesterreich
(obwol es sich dazu bereit erklärt hat) sich natürlich diese nicht vorschrei-
ben lassen will. 78 millionen franken entschädigung, und zwar sogleich
zahlbar. man zweifelt nicht, daß Piemont nun abschließen wird, es müßte
sich denn, um sich vor den neuen sehr radicalen kammern zu rechtfertigen,
eine douce violence durch einen 14tägigen scheinfeldzug machen lassen
wollen.3
1 Bereits am 24.2.1849 war ein erlass erschienen, wonach „die von der ungarischen rebel-
lenregierung in umlauf gesetzten Banknoten“ ungültig und „den inhabern abzunehmen
und […] zur unbrauchbarmachung einzusenden“ sind.
2 gemeint ist lord Palmerstons rede im unterhaus am 21.7.1849. er erklärte darin die
erhaltung österreichs, des verbündeten englands, als „an object of solicitude to every eng-
lish statesman. Austria is a most important element in the balance of european Power.“
Zur erhaltung der europäischen unabhängigkeit und freiheit sei ein starkes österreich
unbedingt notwendig, und jeder versuch es zu schwächen sollte verhindert werden. daher
sollte der krieg mit ungarn friedlich beigelegt werden, denn jede militärische lösung – für
oder gegen österreich – würde zu seiner schwächung beitragen. ein darauf folgendes ver-
mittlungsangebot vom 1. August wurde von österreichischer seite erst nach dem vollstän-
digen militärischen sieg abschlägig beantwortet.
3 der friedensvertrag wurde am 6.8.1849 in mailand unterzeichnet. die vereinbarte kriegs-
entschädigung betrug 75 mill. francs, 15 mill. zahlbar in Paris ende oktober, der rest in
zehn raten alle zwei monate bei 5% verzinsung.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien