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Tagebücher282
die geldverhältnisse werden um nichts besser, ebensowenig die Wech-
selcurse, die Preise steigen, das fleisch ist seit heute um 15 kreuzer cm
[teurer], daß die ärmeren classen dabey nicht zufrieden sind, läßt sich den-
ken. Alle Wohlhabenden schränken sich ein, voran der hof, dessen reduc-
tionen bis ins schmutzige und grausame gehen, der junge kaiser, welchen
die thaten des kaiser nicolaus nicht schlafen lassen, scheint zu glauben,
rücksichtslosigkeit sey das criterium eine großen mannes.
die hiesigen Zeitungen meinen, schmerlings eintritt sey ein Zeichen ei-
ner systemsänderung des ministeriums in der deutschen und überhaupt in
seiner ganzen auch innern Politik, als ob schmerling überhaupt zu irgend
einer schule gehörte!! man macht seiner capacität damit viel zu viel ehre.
[Baden] 6. August
haynau hat szegedin genommen. das gros rückt jetzt gegen süden, um
dem Ban [Jellachich] die hände frey zu machen und die letzte größere un-
garische Armee unter dembinski zu erdrücken. von görgey weiß man noch
immer nichts. in siebenbürgen rücken clam und lüders ziemlich rasch
vor. man sagt, kossuth sey vom landtage abgesetzt und görgey zum dic-
tator ernannt worden, und dieser wolle friedensvorschläge machen, doch
sagt man so vieles, was sich dann nicht bewährt. gerüchte aller Art kreu-
zen sich. dagegen hat die (20.000 mann starke) Besatzung von comorn,
welche unbegreiflicherweise durch bloß 14.000 Mann unter Csorich cernirt
wird (!!), einen großartigen Ausfall gemacht, eine menge vieh und Provi-
ant genommen und, wie man sagt, sogar raab, natürlich nur momentan,
besetzt. Wenigstens flüchten die Einwohner dieser Stadt haufenweise hier-
her. diese Art der kriegführung, wobey man unbekümmert um seinen rük-
ken dieselbe stadt 3 und 4 mal wieder in feindliche hände fallen läßt, was
sich nun schon bey so vielen ortschaften begeben hat, eignet sich jedenfalls
nicht zu den unmenschlichen und unsinnigen Proclamationen haynau’s,
welcher jedem orte, der sympathieen für die ungarische sache zeigt, mit
Brand und unerschwinglichen contributionen droht, überhaupt geht dieser
kerl zu Werke, als wenn er ungarn total ruiniren und damit jeden rest von
Anhänglichkeit an die monarchie ausrotten wollte.
der Banalrath von croatien etc. hat trotz wiederholter Befehle des Ba-
nus sich geweigert, die verfassung vom 4. märz zu publiciren. Also selbst
dort Widerstand, lauter feinde und nicht einen freund, ausgenommen den
gefährlichsten, rußland. es kömmt mir oft vor, als müsse trotz alle dem
und alle dem Oesterreich doch zu Grund gehen; und sogar ohne das glän-
zende letzte Aufflackern. Eine meiner Visionen war die gewesen, der letzte
oesterreicher zu seyn, sollte ich es wirklich erleben müssen, ein gesammt-
deutscher zu werden?! – –
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien