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28516.
August 1849
fein und diplomatisch, nichts sagend und zwischen allen scharfen ecken
sich durchwindend, auch wohl oft das Wichtigste überspringend und mit
Phrasen und liberalismus kokettirend. einen andern weit interessanteren
Aufsatz lese ich jetzt, es ist eine geschichte der deutschen nationalver-
sammlung in der revue des deux mondes von s. rené taillandier,1 ja das
war freylich eine ganz andere Zeit als die jetzige.
[Wien] 16. August
es scheint doch, daß man mich zum statthalter designirt, und zwar in ita-
lien, wenigstens sagte mir schmerling dieses mit dem Beyfügen, daß Bach
mich nächstens zu sich bitten werde. dieser selbst, den ich neulich auf der
straße begegnet, engagirte mich wiederholt und lebhaft, ihn bald zu besu-
chen, ich will nun einige tage hingehen lassen, um jeden schein von em-
pressement zu vermeiden, und dann zu ihm hingehen.
ich ginge zwar von allen kronländern am liebsten nach italien, beson-
ders nach mailand, weil es da am meisten zu schaffen geben wird, doch ist
es eine noch zu überlegende frage, ob ich klug daran thue? dort muß und
werde ich als eine Art Alba im frack auftreten und das constitutionelle
Wesen oft an den nagel hängen müssen, nebstdem bin ich dort von einer
Wahl zum nächsten reichstage so quasi ausgeschlossen, da bey diesem die
italienischen Provinzen wohl noch nicht repräsentirt seyn werden, was ich
auch nicht für rathsam halten würde. Jedenfalls wird sich jeder statthalter
neben radetzky kaum halten können, und es wäre zu wünschen, daß sowol
er als ein paar andere seiner generale jetzt, da der friede geschlossen ist,
eine andere Bestimmung erhielten. Alles dieses mit Ausnahme des letztern
kitzlichen Punctes habe ich in einem kurzen mémoire zusammengefaßt,
welches ich vor einigen tagen (noch ehe ich mit Bach und schmerling ge-
sprochen) oettl zuschickte. Wie man im ministerium über alle diese fragen
denkt, weiß ich noch nicht, davon aber wird es abhängen, ob ich einen sol-
chen Posten annehmen kann oder nicht, in letzterm falle wäre mir der in
grätz der liebste.
die stadt ist langweilig, leer und drückend heiß, die choleraluft äußert
sich durch einen unerträglichen gestank auf den straßen. ich eile, sobald
ich kann, wieder aufs land, ohne noch zu wissen wohin? ich wäre vielleicht
nach ischel gegangen, wenn nicht, wie gabrielle mir neulich schrieb, grä-
finn Bergen dort wäre, das würde dann besonders für die neugierigen Wie-
ner ganz wie ein rendezvous aussehen, der kaiser ist gestern hin, um seinen
geburtstag dort bey seinen Ältern zuzubringen. man sagt mir (denn meine
1 Saint-René Taillandier, Histoire du parlement de Francfort; in Revue des deux Mondes v.
1.7.1849.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien