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hat. Enfin nous verrons. Die Frage mit ihren großen inneren Schwierigkei-
ten besteht nach wie vor, und diese können durch alles hin- und herreisen,
Besprechen etc. nicht gehoben werden.
comorn und Peterwardein halten sich noch immer. gleich nach der rück-
kehr des Kaisers werden die Berathungen über die définitive Gestaltung
ungarns anfangen, natürlich regen sich also jetzt mit erneuerter energie
alle Partheyen. haynau und Jellachich werden dazu erwartet, der Banal-
rath in kroatien hat endlich nachgegeben und die verfassung publicirt, aus
ungarn marschiren die russen heraus bis auf 60.000 mann, welche bleiben
sollen, vorerst heißt es bis zur übergabe comorn’s. die rekrutirungen und
Armeeergänzungen gehen trotz der Beendigung der kriege fort, was ich
nicht begreife. dagegen stockt es mit dem ins leben treten aller admini-
strativen organisationen, d.h. es stellt sich heraus, daß ihre einführung
eine geraume Zeit erfordern wird, indessen herrscht auf dem lande überall
eine vollständige wenn auch gemüthliche Anarchie, den bisherigen Behör-
den, herrschafts- und kreisämtern gehorcht niemand mehr, kein Bauer
zahlt, weder den frühern herrn, noch den geistlichen, den schullehrer etc.,
und es wäre hohe Zeit, daß dem durch die neue organisirung ein ende ge-
macht würde. man spricht davon, mobile colonnen zur execution zu bilden,
was zwar nicht gerade constitutionell, aber, wenn man nun schon einmal
mit der neuen organisirung nicht sobald fertig werden kann, noch immer
besser wäre, als gar nichts zu thun.
Wegen der künftigen einrichtung italiens hört man auch noch nicht viel.
Bruck ist hier, wie ich höre, mit entwürfen schwanger, und zwar unglück-
seligsterweise für eine einheitliche verfassung und verwaltung des gan-
zen königreiches, welches die sicherste Art wäre, es bey nächster gelegen-
heit ganz zu verlieren und die venezianischen Provinzen, in denen, und
namentlich in venedig, sich jetzt wieder ein ganz erträglicher geist zeigt,
sich gewaltsam zu entfremden. ich muß Bruck nächstens besuchen, es wäre
heillos, wenn man sich zu so etwas entschlösse.
überhaupt ist jetzt der entscheidende Augenblick, wo, nachdem Alles
durch das schwert wieder gewonnen worden ist, Alles durch einen schöpfe-
rischen kopf neu organisirt werden muß. Aber haben wir einen solchen in
office? Ich finde keinen.
inzwischen hebt sich das vertrauen, die Papiere und Wechselcourse stei-
gen überraschend, und das gold- und silberagio fällt ebensosehr, letzteres
stand gestern schon nur mehr auf 9 1/2 %.
[Wien] 12. september
Peterwardein hat sich ergeben. dagegen hält sich comorn hartnäckig, und
die garnison, welche während des Waffenstillstandes durch Zuzüge zer-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien