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Tagebücher296
entfernt als je. die „großen staatsmänner“ bringen es nicht weiter als die
„frankfurter Professoren“.
Wien 23. september 1849
hier ist noch immer radetzky der held des tages, in allen theatern wer-
den patriotische gelegenheitsstücke zu seinen ehren gegeben, gestern gab
ihm der gemeinderath in der redoute ein großes Bankett etc. die Armée,
die invaliden, die freywilligen etc. sind jetzt an der tagesordnung, samm-
lungen und stiftungen regnen von allen seiten. und doch ist es unmöglich,
daß sich ein eigentlich militairischer Geist bey uns einfinde, wie man es an
manchen orten wohl wünschen würde und auch herbeyzuführen trachtet.
die ungarischen conferenzen sind geschlossen, sie bestanden aus schwar-
zenberg, Bach, schmerling, haynau und geringer, also lauter leute, denen
ungarn eine terra incognita ist, daß an der verfassung vom 4. märz und an
einer gemeinschaftlichen centralverwaltung festgehalten wird, versteht sich
von selbst und war auch nicht anders denkbar, es kömmt nun hauptsächlich
auf die Wahl der Personen an, und gerade dazu wäre ein mann nothwen-
dig, der das land kennt. man erwartet täglich die übergabe comorn’s, in-
zwischen wirthschaften die kriegsgerichte fort, lassen hängen, erschießen,
einsperren, legen contributionen auf etc. und treiben ihr unwesen weiter,
so wird man Alles gegen sich aufbringen, man confiscirt und verbrennt un-
barmherzig die kossuthnoten, obwol es jetzt heißt, daß man einiges Aequi-
valent dafür geben wird, wieder zu spät und nachdem der hauptschaden
geschehen ist. radetzky, der überhaupt der mann der ruhigen überlegung
und des gesunden menschenverstandes (rara avis) ist, ist mit allen diesen
kraftmaßregeln gegen einen bereits überwundenen feind sehr unzufrieden
und sagt mit recht, daß man über leute, die großentheils ehrenmänner
waren und nur durch die Schwäche und Perfidie der Regierung gleichsam
hinüber gestoßen worden sind, den stab nicht brechen könne.
die croaten (ohnehin fast durchgehend nur ein plünderndes und davon-
laufendes gesindel) werden nun größtentheils entlassen, sonst aber die Ar-
mée nicht stark reducirt, da man in italien und ungarn starke garnisonen
braucht, nebstdem toscana und den kirchenstaat noch auf lange Zeit be-
setzt halten muß. die russen sind nun schon alle über die grenze, ausge-
nommen 18.000 mann unter grabbe vor comorn und general hassford in
siebenbürgen. Alle derartigen Besorgnisse waren also ungegründet.
in siebenbürgen hat clam eine contribution ausgeschrieben, auf schul-
dige und unschuldige!! wohin soll Alles dieß führen? Wallachen, ungarn
und deutsche massacriren sich dort gegenseitig. in der lombardie sieht es
auch misérabel aus. die italienischen conferenzen, woran vorzüglich ra-
detzky und hess theilnehmen sollen, werden dieser tage anfangen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien