Page - 298 - in „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Volume II
Image of the Page - 298 -
Text of the Page - 298 -
Tagebücher298
flott gemacht hat, ein Anleihen von 60 Millionen in 4 1/2 percent zu 85 im
Wege der freyen subscription, zur deckung eines theils der staatsschuld an
die Bank, dieses scheint guten Fortgang zu finden, dann Ausgabe von 4 %
reichsschatzscheinen, vor der hand mit Zwangscurs anstatt der 3 % central-
cassaanweisungen und der unverzinslichen Anweisungen auf die einkünfte
ungarns, und fundirung jener scheine auf die eisenbahnen und die saline
gmunden, endlich emission der Bankreserveactien, d.h. verkauf derselben,
circa 50.000 stück. Alle diese maßregeln werden natürlich verschieden beur-
theilt, und der erfolg wird zeigen, ob und in wie ferne sie zweckmäßig waren.
einstweilen stellen sich die verhältnisse überraschend günstig, die Papiere,
wenigstens die 5 % sind fast gar nicht gefallen und stehen wieder auf 97,
gold auf 9–10, silber auf 5–6 und die Wechselcurse im verhältnisse, freylich
bleibet dabey noch immer das mißverhältniß der laufenden Ausgaben zu den
einnahmen, welches im letzten semester nicht weniger als 46 millionen de-
ficit betrug! In dieser Hinsicht beantragt Krauss Reductionen in den Staats-
ausgaben, namentlich im heere (wozu aber wenig Anschein vorhanden ist),
dann, wie man sagt, eine einkommenssteuer, endlich schmeichelt er sich,
schon im nächsten Jahre durch die verhältnißmäßige Besteuerung ungarns
eine mehreinnahme von 40–50 millionen zu erzielen, das wäre denn doch zu
sanguinisch. übrigens arbeitet man an dieser Besteuerung, worauf die Zoll-
linien aufgehoben und, wie man sagt, das tabaksmonopol aufgegeben und
dafür eine tabakssteuer in allen Provinzen eingeführt werden soll. Auch ein
neuer Zolltariff ist in Angriffe, so auch bedeutende Postreformen. im Justiz-
ministerium arbeitet man an der neuen gerichtsordnung, i.e. verfahren, und
dann soll die Amendirung des strafgesetzbuches an die reihe kommen. vom
unterrichtsministerium ist ein neuer gymnasialplan erschienen, der gelobt
wird,1 weitere studienreformen werden erwartet, kurz Alles kreißt und gährt
„als wollte das meer noch ein meer gebähren“,2 was am ende herauskömmt,
werden wir sehen. Was ich bis nun gesehen haben, waren nur mehr oder
minder unglückliche nachahmungen des Auslands, eine höhere Auffassung
vermisse ich bey allen ministern, namentlich bey thun, dessen Portefeuille
mich so lebhaft interessirt, ich würde an seiner stelle Alles in den Bereich
meiner thätigkeit ziehen, was den geist, die Bildung, den charakter des
volkes betrifft, und z.B. namentlich an unsere volks- und nationalbühne
denken, welche noch immer entsetzlich im Argen liegt, wiewohl das reich
von nestroy etc. gottlob vorüber ist.
1 der provisorische lehrplan für die neuen achtklassigen gymnasien, die das bisherige sys-
tem von sechs Jahren gymnasium und zwei philosophischen Jahrgängen an philosophi-
schen lehranstalten bzw. universitäten ablösten, wurde am 26.7.1849 erlassen.
2 Aus friedrich schillers Ballade der taucher.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien