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Tagebücher304
die neue centralgewalt scheint fertig. erzherzog Johann tritt ab, wer
österreichischerseits eintreten wird, weiß ich noch nicht.1 dabey betreibt
Preußen sehr energisch die Berufung des reichstages für den engern Bun-
desstaat, und dieser dürfte Anfangs februar zusammen treten. Wie man
sieht und ich es immer sagte, ist nun der engere und der weitere Bund
da, und Schwarzenberg, dieser fließpapierene Machiavel, wird trotz alles
gepolters zur thüre hinausgeworfen, während er vor 8 monathen seine
Bedingungen hätte dictiren können. es gibt nichts lächerlicheres als Je-
mand, der gerne ein rechter Bösewicht seyn möchte, dem dieses aber nicht
gelingt.
Was mich betrifft, so ist meine cur fertig, und ich könnte fort, weiß aber
für den Augenblick nicht wohin? ergibt sich nichts für mich, so gehe ich
in 4–6 Wochen für den Winter in ein mildes clima, nach nizza oder nach
egypten. übrigens soll, wie es nun heißt, die politische organisation doch
bis 1. Jänner ins leben treten, und da sollte ich denken, daß dann bis dahin
auch die Statthalter ernannt werden. Enfin nous verrons.
heute kam, ganz unvermuthet, gottfried hier an, den ich seit 5–6 Jah-
ren nicht gesehen habe, er führt einen Transport von Unteroffizieren nach
Prosnitz als cadres für das neu zu errichtende husarenregiment kaiser.
das punctum saliens meiner jetzigen existenz ist: fortwährende, durch
nichts unterbrochene langeweile und unlust, mir fehlt eine practische
thätigkeit. Wenn es überhaupt in meiner natur und meinen grundsätzen
läge etwas zu bereuen, so würde ich jetzt bereuen, daß ich im may vorigen
Jahres, als man mir die stelle colloredos in frankfurt anboth,2 sie nicht
annahm, worauf schmerling sie erhielt. Wahrscheinlich hätte dieses meine
ganze Wirksamkeit im vorigen Jahr in eine ganz andere Bahn geleitet. üb-
rigens werde ich erst in einer viel späteren Zeit bestimmen können, ob mir
dieses vortheilhaft gewesen wäre oder nicht.
[Wien] 19. oktober
Alles geht spottschlecht, und es gehört ein großer grad von sanguinik
dazu, um nicht alle hoffnung einer befriedigenden lösung zu verlieren,
das militärregiment dehnt sich immer weiter aus und scheint vor der
Hand die definitive Regierungsform werden zu sollen. Radetzky (welcher
übermorgen abreist) ist generalgouverneur von italien mit dem sitze zu
1 im sog. interim vom 30.9.1849 vereinbarten österreich und Preußen, dass sie die Zent-
ralgewalt für den deutschen Bund im namen aller Bundesregierungen bis zum 1.5.1850
gemeinsam übernehmen. erzherzog Johann als reichsverweser trat dieser vereinbarung
am 6. oktober bei, die übernahme der regierung durch die Bevollmächtigten der beiden
mächte und der rücktritt des reichsverwesers erfolgten jedoch erst am 20. dezember.
2 Als Bundespräsidialgesandter in frankfurt, vgl. eintrag v. 12.5.1848.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien