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Oktober 1849
verona, wodurch mailand gestraft werden soll, ihm ad latus zwey schafs-
köpfe vom civile: montecuccoli und strasoldo. carl schwarzenberg wird
civil- und militairgouverneur der lombardie und Puchner des veneziani-
schen. ganz entgegen dem, was meiner innigsten überzeugung nach zu
geschehen hätte, werden diese zwey Provinzen sovielmöglich amalgamirt,
damit sie beym nächsten Anlasse ja gewiß beyde von neuem abfallen. die
Administration durch militärs, welche davon nichts verstehen (obwol sie
mir in gewisser Beziehung noch lieber ist als die durch eine verknöcherte
Bureaukratie), wird darnach seyn, besonders da man radetzky, welcher
denn doch eigentlich nichts weiter ist als ein nahme und eine fahne, seine
beyden Souffleurs, Schönhals und Hess, genommen hat, ich höre nun so-
gar, daß Wimpffen in triest ebenfalls civil- und militairgouverneur wer-
den soll, und so scheint man diese maxime fast über die ganze monarchie
ausdehnen zu wollen. Welches wird unter solchen umständen die stellung
eines ministers des innern? ich sehe immer mehr, wie unfähig Bach ist,
und wieviel man an stadion verloren hat.
in ungarn wird die confusion nur ärger, selbst die Bestgesinnten, wie
szirmay, feri Zichy etc. protestiren gegen geringer’s unsinnige bureaukra-
tische ideen, man will jetzt ganze schaaren deutschösterreichischer Beam-
ten nach Ungarn verpflanzen, um es der Segnungen unserer Verwaltung
theilhaftig zu machen und das Volk vollends zur Verzweiflung zu bringen.
mit executionen hat man seit dem 10. innegehalten, doch hört man noch
nichts darüber, was ferner geschehen soll. haynau hat einen 3wöchentli-
chen urlaub nach grätz erhalten, was dann geschieht, scheint man noch
nicht zu wissen. kurz es ist ein herumtappen, eine gedankenarmuth, wie
sie selbst vor dem märz nicht ärger war, und noch ganz dieselbe ängstliche
rücksicht für gewisse Personen und dieselbe stupide unkenntniß der ver-
hältnisse.
Als commissarien für die neue centralgewalt sind kübeck und schön-
hals ernannt, übrigens begreife ich nicht, was sie zu thun haben werden.
denn nicht nur das verfassungswerk, sondern Alles, was sonst dem Ple-
num des Bundestages vorbehalten war, also so ziemlich Alles, ist ihrer
competenz entrückt und der freyen vereinbarung der einzelnen staaten
überlassen. erzherzog Johann, dem man hier noch immer die unverdiente
ehre der allerhöchsten ungnade erweist, geht nach meran.
gyulai ist abgetreten und dahlen wird kriegsminister,1 je unbedeuten-
der, desto passender, da der kaiser, recte seine centralkanzley, i.e. grünne,
kellner und jetzt hess, alle wichtigern geschäfte an sich gezogen haben.
1 diese information erwies sich als falsch, graf franz gyulai blieb bis Juni 1850 kriegsmi-
nister.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien