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Tagebücher306
ich wollte, ich wäre tausend meilen weg, wo ich nicht einmal Zeitungen
zu lesen bekäme, mich ekelt die ganze geschichte an.
[Wien] 24. october
Heute stehen die Ernennungen für Italien in der officiellen Wienerzeitung,
ebenso die von f. Wimpffen als statthalter in triest, nach dieser letzte-
ren ernennung ist wohl zu erwarten, daß der grundsatz der vereinigung
der civil- und militärgewalt für alle kronländer angenommen wird, denn
das küstenland war immer vielleicht die ruhigste aller Provinzen. Auch die
grundzüge der organisation ungarns sind heute erschienen.1 Auch dieses
bleibt, wie natürlich, unter Militärregierung (ich zweifle nicht, daß Haynau
dann doch bleibt). Als grundzug scheint durch diese organisation die arri-
ère-pensée zu gehen, ungarn seinerzeit in 4–5 kronländer zu theilen, und
dieses für jetzt dadurch anzubahnen, daß man sogenannte militärdistricte
mit eigenen militärcommandanten bildet, welche im Wesentlichsten so
ziemlich eigenen kronländern und statthaltern ähnlich sehen, wieder in
civildistricte mit obergespänen und diese in comitate mit Administrato-
ren zerfallen, und unter sich nur das Band des obercommandanten, der
aber keine eigentlichen administrativen funktionen hat, und des ihm zur
seite stehende kaiserlichen commissairs (geringer) haben, welches also
seiner Zeit leicht weggelassen werde kann. da dieses nur ein Provisorium
ist, so ist natürlich von landesverfassung, landtagen etc. noch keine rede,
sondern es wird erst die Ausarbeitung dieses statuts angekündet. in den
Provinzen fängt man hier und da schon an, nach den landtagen zu schreyen
und an die §§ der verfassung zu mahnen, die deren einberufung im laufen-
den Jahr versprechen, anderseits hört man, als ob man im ministerio von
der idee der landtage zurückkomme und nur kreistage, und den reichstag
im interesse der centralisation, wolle.
Was mich betrifft, so zweifle ich an Allem, außer daran, daß wir auf ei-
nem gefährlichen Wege sind, die reaction und gewaltherrschaft sind im
Zunehmen, dieses system der civil- und militärgouverneurs erscheint mir
als höchst bedenklich, denn dadurch wird die verwaltung (sowie schon frü-
her das heer) de facto dem verantwortlichen ministerium entwunden und
in die hände des kaisers als oberbefehlshaber der Armée gelegt, und von
diesen händen verspreche ich mir nichts gutes.
die stimmung hier ist in der letzten Zeit um vieles schlechter geworden,
daher an eine Aufhebung des Belagerungsstandes nicht zu denken ist. die
executionen in ungarn haben wieder angefangen, bisher zwar nur einige
1 der erlass über den provisorischen verwaltungs-organismus für ungarn samt den durch-
führungsbestimmungen war mit 25.10.1849 datiert.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien