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Tagebücher308
würde nur sehr hohe stellen annehmen. – – ich will aber hierin gar nichts
thun, sondern die dinge an mich kommen lassen. ich will doch sehen, ob
ich auf die dauer entbehrt werden kann. ich erkenne schwarzenbergs und
vielleicht eine noch höhere hand in dieser sache, aber ich werde mich nicht
bücken, sondern mit sturm Besitz nehmen, und sollte es auch noch län-
gere Zeit währen. Auch den 29. märz dieses Jahres habe ich noch nicht
vergessen,1 und dann werde ich mir satisfaction nehmen.
seidlitz hat den „Wanderer“ übernommen, und ich habe ihm ein paar
Artikel geschrieben, da wäre denn ein Blatt, welches ich zu meiner dispo-
sition hätte, mir ist es trotz seiner 4000 Abonnenten jetzt noch de second
ordre und dadurch discreditirt, daß schwarzer & c. früher dafür schrieben.
Gräfinn Bergen ist neulich abgereist. Gottfried ist von Prosnitz zurück
und bleibt hier auf urlaub.
[Wien] 28. october
gestern sah ich schmerling, es ist auf einmal ein förmliches halloh unter
den ministern entstanden, um mich festzuhalten, und zwar – unerklärlich
– schwarzenberg à la tête, der über mein „honnettes und loyales“ Beneh-
men voll des lobes war. er könne mich nicht verwenden, da er mir jetzt
keinen großen Posten geben könne, und ein kleiner meiner nicht würdig
sey, aber Bach müsse mir Propositionen machen etc. kurz le fait est, daß
schmerling, der mir Alles dieses erzählte, mich im nahmen Bachs peremp-
torisch aufforderte, nicht weg zu gehen, sondern noch ein paar Wochen
zuzuwarten. Wimpffens ernennung sey nur deßhalb geschehen, weil man
keine civilperson gefunden habe, welche maritime kenntnisse besäße, und
man denke nicht daran, das system der civil- und militärgouverneur’s wei-
ter auszudehnen. kurz ich bleibe vor der hand noch hier, jedoch ohne eine
besondere erwartung, die größeren gouvernements sind vergeben oder für
mich nicht geeignet (z.B. Böhmen etc.), und mir bleibt meiner Berechnung
nach nur grätz, laibach, klagenfurt oder salzburg, ersteres wäre mir da-
von noch das liebste.
es ist eigentlich ein unglücklicher moment, um in dienste zu treten, und
wäre mit einem statthalterposten irgend eine solidarität für die richtung
des ministeriums verbunden, so würde ich mich bedanken. Zeit und stim-
mung sind trübe, und die Bestgesinnten werden wankend, denn man fängt
zu zweifeln an, ob es der regierung mit der durchführung der verfassung
ernst ist, seitdem durch die neuen organisationen in italien und ungarn der
Ausnahmszustand verewiget und dadurch die Berufung des reichstages un-
berechenbar verzögert ist. ich habe zwar im „Wanderer“ in ein paar Artikeln
1 die verweigerte kaiserliche Audienz in olmütz.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien