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Tagebücher320
sagt mir, Bach selbst stecke dahinter (?). gewiß ist, daß Zerwürfnisse im
kabinette herrschen, zwischen Bach und schwarzenberg, und auch sonst, so
z.B. wird krauss von dem lloyd, Bruck’s organ, auf das leidenschaftlichste
angegriffen. im ganzen sprechen sich jedoch fast Alle gegen eine Änderung
im Ministerio in diesem Augenblicke aus, wo die definitiven Organisationen,
welche so sehnlich erwartet werden, ins leben treten sollen.
die landesverfassungen werden nächstens erscheinen, die statthal-
ter und politischen Behörden sollen zum theile schon ernannt seyn, zum
theile in diesen tagen ernannt werden, von mir ist dabey natürlich keine
rede, da ich bisher noch durchaus keinen ruf noch Anfrage erhalten habe.
in italien, selbst in venedig, wird die stimmung immer schlechter, und
die neckereyen etc. vom Jahre 1847 fangen wieder an. dagegen scheint es
in ungarn etwas besser werden zu wollen, und haynau dürfte sogar noch
populär werden!! strasoldo ist vorgestern abgereist.1
ich ging heute, um endlich etwas Bestimmtes zu erfahren, zu Bach und,
da ich ihn nicht fand, zu oettl, und trug ihm auf, Bach zu sagen, daß, da ich
auf sein, schmerlings und Brucks Begehren hier geblieben sey, um seine
Anträge zu erwarten, mir aber dabey ausdrücklich volle freyheit diese An-
träge anzunehmen oder abzulehnen vorbehalten habe, so möchte ich nun
wissen, was er mir anzubiethen Willens sey? damit ich für den fall, daß
mir diese Anträge nicht annehmbar erscheinen sollten, meine dispositio-
nen für den Winter treffen könne, indem ich durchaus nicht gesonnen sey,
ohne motiv denselben hier zuzubringen. in ein paar tagen würde ich zu
ihm oder zu Bach kommen, um die Antwort zu hören. vedremo.
meine Artikel im Wanderer über die deutsche frage erregen Aufsehen
namentlich im Auslande, ich werde am ende doch trachten, dieses Blatt
fester an mich zu ketten, um so ein organ zu besitzen, welches zugleich so
quasi offiziell meine Richtung repraesentirt, denn ich habe z.B. aus der Op-
position der ostdeutschen Post gegen meine angebliche ministercandida-
tur (wozu freylich kuranda’s persönliche gereitztheit gegen mich noch vom
vorigen Jahr her viel beygetragen haben mag) leider gesehen, daß diese
noch gar wenig gekannt ist.
eine menge erscheinungen und symptome erinnern mich unwillkür-
lich an die letzten monathe des Jahres 1847, und es ist mir manchmal, als
müßte ich den gerüchten von einer abermaligen revolution im nächsten
frühjahre, welche nicht nur hier, sondern in halb europa verbreitet sind,
wirklich glauben beymessen. gewiß ist, daß der gegenwärtige Zustand der
dinge ganz geeignet ist, das lager der radikalen zu verstärken und haß
1 graf michael strassoldo war zum chef der Zivilverwaltung in lombardo-venetien ernannt
worden.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien