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32511.
Jänner 1850
Anstellung nichts, so denke ich ihn ganz zu übernehmen. nur muß in dem
falle schwarzer, mit dem ich nichts gemein haben möchte, von der re-
daction zurücktreten, vielleicht gelingt es, ihm einen consularposten zu
verschaffen.
krauss hat gestern einen sehr gutgeschriebenen vortrag über die fi-
nanzlage veröffentlicht, ich zweifle, daß er trotz aller Geschicklichkeit
damit die Welt täuschen werde.1 das facit desselben ist eine abermalige
vermehrung des Papiergelds um circa 60 millionen. die Bankfrage und die
heftige Polemik des „lloyd“ gegen die Bank beschäftigen jetzt sehr, man
vermuthet hinter dieser Polemik Bruck und zwar aus eigennützigen per-
sönlichen Motiven zu finden.
in der deutschen frage scheint man sich endlich mit Preußen verstän-
digt zu haben, d.h. man gibt nach, wie dieses schwarzenberg’s gewöhnliche
manier ist, nachdem er eine Zeit lang geschimpft und getobt hat. erzherzog
Johann soll dieser tage ankommen. dessenungeachtet dauern die Bewe-
gungen der truppen an der sächsischen grenze fort. diese truppen aber
sind hauptsächlich ehemalige honvéds und sollen den allerübelsten geist
haben, vielleicht erklärt dieses jene Bewegungen. überhaupt fürchte ich,
daß diese massen von abgestellten ungarischen insurgenten (darunter sehr
viele Edelleute, ehemalige Offiziere, Juraten etc.) die ganze Armée inficiren
dürften.
[Wien] 11. Jänner
Als ich neulich mit Bach sprach, schien er mir durch oettl, gegen den ich
mich immer früher ganz ohne rückhalt ausgesprochen hatte, erfahren zu
haben, daß mich seine Anträge nichts weniger als günstig gestimmt hätten.
er bemühte sich sehr mich herumzubringen, sprach mir ein langes und
Breites über seine Ansichten, Pläne etc., was er bisher gethan habe und
noch thun wolle etc., kurz in seiner gewöhnlichen redseligen Weise, um so
nicht zur ruhe gekommen und versöhnt ist.“ in der Außenpolitik wird indirekt die Abhän-
gigkeit von russland kritisiert („wer nur einen verbündeten hat, hat unserer Ansicht nach
beinahe einen herren gefunden“) und eine Annäherung an england gefordert („einen hun-
dertjährigen Alliirten nicht leichtsinnig fallen zu lassen, und der leidenschaft nicht raum
zu geben, wenn man auch die gerechtesten gründe zu vorübergehender unzufriedenheit
haben sollte“). in der deutschen frage solle österreich den deutschen Bundesstaat nicht
verhindern, da nur so „die revolution geschlossen, und der friede europas befestigt wer-
den“ könne. das verhältnis österreichs zu deutschland sei dagagen als „enges, politisches
und materielles Bündnis“ auf der grundlage der verträge von 1815 zu gestalten, „das ist
Alles, was die ungeheure mehrzahl in unserm vaterlande will.“
1 Wiener Zeitung v. 3.1.1850, 27–30: Allerunterthänigster vortrag des treugehorsamsten
finanz-ministers über die weiteren maßregeln zur führung des staatshaushaltes, Wien
28.12.1849.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien