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che er zur Berathung des landesstatuts berufen könne, sowie dieses statut
selbst, dessen entwurf er mir mittheilen werde, zu begutachten. ich ver-
sprach Beydes.
Darauf fing er an, von den Gerüchten einer Ministerkrisis zu sprechen,
welche nun wieder und dießmal, wie es scheint, nicht ohne Begründung
kursiren. man spricht nämlich vom rücktritte des gesammten ministeri-
ums mit alleiniger Ausnahme schmerlings (!), Windischgrätz solle die Prä-
sidentschaft erhalten, hartig und Josika eintreten, also rothe reaktion.
Wirklich ist das ministerium jetzt in einer epoche der Prüfung wie wohl
nie zuvor. die opposition des Banus, dessen nahme noch immer einen
gewissen Zauber hat, der Widerstand und die intriguen der sogenannten
conservativen Partey in ungarn (die aber in Wahrheit aus 1/2 dutzend Par-
theyen besteht), mit der trotz Bach & c. haynau nach kräften kokettirt,
welche, um ans ruder zu kommen, selbst die Allianz mit dem Absolutismus
nicht verschmähen würde, und von denen, vielleicht ebendeßhalb, Josika
ein vom hofe gehätscheltes mitglied ist. dazu der wenigstens momentane
fiasko der neuen politischen organisationen, endlich die finanzverlegen-
heiten, Alles dieses und noch manches Andere könnten ganz unerwartet
eine krisis zu stande bringen. Bach sprach davon ziemlich unverblümt,
er und seine kollegen legten auf ihre Portefeuilles keinen Werth (das alte
lied), aber die folgen würden sowohl im inneren als nach Außen unheilvoll
seyn, und Alles wieder in frage gestellt seyn. von mir sey wieder in aus-
wärtigen Blättern ganz bestimmt als dem haupte der conservativen Par-
tey in oesterreich und verbündeten der ungarischen conservativen und
als dem zukünftigen ministerpräsidenten die rede. ich antwortete, daß ich
diese Zusammenstellung nicht begreifen könne, daß ein ministerwechsel
in dem angedeuteten sinne nur die folge haben könne, die verschiedenen
unterabtheilungen unserer Partey fester aneinander zu schließen.
darauf kamen wir wieder auf unser altes thema ungarn zurück, und
ich rieth ihm, in Personalien concessionen zu machen, geringer abzurufen
und den nationalen magyaren einige concessionen zu machen, es handle
sich jetzt mehr darum, das land politisch zu gewinnen, als die bestmög-
lichste Administration in demselben einzuführen, und gerade dadurch jene
vage Partey zu einem positiven hervortreten zu zwingen und somit zu spal-
ten. er aber will nicht wanken noch weichen, ja seine idee geht so weit, aus
ungarn 4–5 kronländer zu machen, mit ebensovielen landtagen! dieses
ahnte ich schon am 24. oktober,1 ob es aber jetzt noch durchführbar ist,
daran zweifle ich.
1 Anlässlich des Bekanntwerdens der provisorischen verwaltungsorganisation ungarns,
siehe eintrag v. 24.10.1849.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien