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Tagebücher342
zen. niemand weiß, wer koch und wer kellner ist, die neuen Beamten, wel-
che lediglich aus den alten, und zwar aus den schlechtesten unter diesen (so
sagten mir Alle) herausgesucht wurden, schreiben und bureaukratisiren
mehr als je und kommen bey der größe der Bezirke und dem mangel an
unterbehörden, i.e. der gemeinden, dennoch nicht auf.
ich arbeitete etwas, jedoch nicht sehr viel, an meiner Brochure, worin
ich meine gedanken über politische und administrative centralisation der
verwaltung auseinandersetzen will. ob ich sie erscheinen lasse, wird von
den umständen abhängen.
somit habe ich leider in diesen tagen, während denen ich mich dem
hiesigen treiben entziehen konnte, mir abstrahirt: daß die stellung eines
gutsbesitzers wie egbert, welcher Wurzeln in einer Provinz hat, in dersel-
ben auf mannigfache Weise wirken und sich einen Anhang und nahmen
verschaffen kann, weit gesicherter und befriedigender ist als die meinige,
mag sie auch scheinbar weit glänzender seyn. ich gehöre keinem kronlande
an, wurzle in keiner scholle, habe das einzige dornenvolle feld der Publici-
stik vor mir, um mir eine Parthey zu schaffen, und habe, während ich im-
mer nur eine handbreit vom Portefeuille entfernt bin, eigentlich gar keinen
Wirkungskreis, dagegen die sehr nahe möglichkeit vor mir, ganz beyseite
geschoben zu werden. ich komme mir vor wie Jemand, der auf gespanntem
seile über die dächer hingweggeht, während ein mensch wie egbert auf
dem sichern Boden daherschreitet. Wie soll dieses anders werden?
hier scheint einstweilen nicht viel verändert, alle neuen maßregeln des
ministeriums tragen den stempel der unfähigkeit und unausführbarkeit,
so die erlässe krauss’s wegen einhebung der einkommenssteuer und der
neuen registrirungsgebühr, Bach’s wegen Activirung des gemeindegeset-
zes etc.1 mit Preußen scheinen wir einem Bruche sehr nahe zu seyn.
[Wien] 14. märz
ich habe in diesen tagen die skizze zu meiner Broschüre über politische
centralisation und administrative decentralisation fertig gemacht und sie
seidlitz zur Ausarbeitung übergeben, ich hatte zu wenig fleiß und ruhe
dazu. ob ich sie unter meinem nahmen oder in halber Anonymität erschei-
nen lasse, weiß ich noch nicht.2 die scheu, meinen nahmen an den straßen-
ecken zu lesen, habe ich noch immer nicht überwunden. übrigens, glaube
1 gemeint sind wohl die vollzugsvorschrift zur einkommenssteuer v. 11.1.1850, das gesetz
über die gebühren von rechtsgeschäften, urkunden, schriften und Amtshandlungen v.
9.2.1850 und die verordnung über nähere Bestimmungen zum provisorischen gemeinde-
gesetz, die am 7.3.1850 erschien.
2 centralisation und decentralisation in oesterreich (Wien: Jasper, hügel & manz 1850).
die Broschüre erschien anonym.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien