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Tagebücher344
lien, wird aber dort das 5. Arméecorps übernehmen und degenfeld sein
nachfolger werden, das war zwar schon seit lange bestimmt, doch begreife
ich nicht, warum dieses so plötzlich geschah.1
Bayern, Würtemberg und sachsen haben sich über ein Projekt geeinigt:
Bundesdirectorium von 7 fürsten mit oesterreichs vorsitze, ein Parlament
von 300 Abgeordneten, 100 oesterreicher (für ganz oesterreich!!), 100 Preu-
ßen, 100 Andere.2 damit will man nun erfurt todtschlagen? das wäre nun
bloß lächerlich, was mich aber stutzig macht, ist, daß die hiesigen ministe-
riellen Blätter oesterreichs Beytritt zu diesem monstrum predigen!! sollte
man hier wirklich so hirnverbrannt seyn? Auch über diese frage habe ich
mich in meiner Brochure scharf ausgesprochen. in frankreich sieht es är-
ger aus als je, und auch anderswo gibt es stoff genug zu Besorgnissen. ge-
stern als am 13. märz hatte die heldenmüthige garnison große Anstalten
getroffen, aber es rührte sich keine katze, und clam konnte daher keine
gastrollen geben, wie er bramarbasirt, sich aber vielleicht in der Armée
selbst sehr verrechnen dürfte.
neulich lud mich Becher zu sich zum essen mit dem preußischen ge-
heimrathe delbrück, der wegen der Zollfrage hieher geschickt ist, und dem
preußischen legationsrathe Weymann, überhaupt stehe ich in Preußen –
begreiflich – in gutem Geruche, ebensosehr als Prokesch in einem schlech-
ten.
[Wien] 18. märz
Wegen der Zang’schen Angelegenheit habe ich mit Bach gesprochen. da
der fuß, auf welchem ich mit Bach stehe, mehr der einer bewaffneten
neutralität als der freundschaft ist, so habe ich weniger darauf appuyirt,
daß die Presse mein organ werden solle, als andere allgemeinere und ihm
persönliche rücksichten geltend gemacht, und glaube, ziemlich geschickt
manœuvrirt zu haben, er verlangte Bedenkzeit, und gestern, wo ich bey
ihm aß, sagte er wieder, er habe sich noch nicht entscheiden können. diese
frist gewähre ich sehr bereitwillig, weil sie eine abschlägige Antwort im-
mer schwerer macht. Zang und Becher müssen nun auch mit schmerling,
krauss etc., n’importe quel ministre, reden, denn ich will nicht, daß Bach
sich das verdienst allein zuschreiben könne. Andererseits stelle ich mich
1 vgl. dazu eintrag v. 25.2.1850.
2 das Ziel der münchener übereinkunft der drei königreiche vom 27.2.1850 war es laut der
Präambel, „eine unheilvolle spaltung deutschlands zu vermeiden.“ österreich erklärte in
einer note vom 13. märz seine bedingte Zustimmung. so wurde die streichung der frank-
furter grundrechte, „deren einführung bereits in den meisten staaten als unvereinbar mit
dem öffentlichen Wohl erkannt worden ist,“ und vor allem der gesamteintritt der österrei-
chischen monarchie in den neuen Bund verlangt.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien