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April 1850
[Wien] 3. April
die sitzungen wegen italien sind seit dem 25. wegen montecuccolis krank-
heit ausgesetzt gewesen. übermorgen Abends soll die nächste seyn, was
mir ungelegen kömmt, da gerade an diesem Abende ein dilettantentheater
zum besten eines Judenspitals stattfindet, zu welchem ich durch die Pro-
tection meiner freundinn henriette todesco eine karte erhalten habe. Bey
dieser letzteren habe ich neulich wieder einen recht angenehmen Abend
en tête-à-tête zugebracht, sie ist eine lebhafte geistreiche kleine frau, die
vielleicht etwas nach originalität hascht, aber eben dadurch, wenigstens
solange man sie nicht ganz genau kennt, amusant wird. Überhaupt finde
ich die frauen der finance, deren ich jetzt erst mehrere kennen lernte, weit
angenehmer und gebildeter als die weibliche Aristocratie, welche aus lau-
ter natürlichkeit langweilig, dabey voller vorurtheile und kleinstädterey
ist, so lernte ich neulich bey todesco in einer soirée eine frau von Werth-
heimstein kennen, die eine ganz charmante frau ist, so frau von neuwall
etc. Zu mathilde Berchtold, welche hier ist, gehe ich auch zuweilen, ins
casino immer weniger und bald gar nicht mehr.
Jellachich heirathet ein 15jähriges kind, die kleine stockau, nachdem
er den ganzen Winter über caroline Waldstein, freylich mit ihrem Willen,
affichirte. That is what no gentleman would do. Dieses und seine spott-
schlechten gedichte, die jetzt eben erschienen sind,1 brechen ihm noch bey
seinen letzten Bewunderern und besonders Bewundererinnen den hals –
es ist ein gemeiner strick.
gestern war ein großes militärisches fest auf dem glacis, wo der kaiser
etwa 15 theresienkreuze (darunter Windischgraetz, haynau etc.) und an
20 médaillen vertheilte, er hielt dabey an Jene und diese zwei sehr kräftige
Anreden, worin er unter andern sagte, oesterreichs Zukunft beruhe auf
seiner Armée. Wenn das wahr ist, so frißt uns unsere Zukunft auf. denn
die finanzen werden immer schlechter, und schon fangen die Banknoten
möchten. Dagegen sollten B[ach] und Sch[merling] kräftig wirken; unterlassen sie’s, so
werden sie bald, um mich eines einst beliebten Ausdruckes zu bedienen, dann so unmög-
lich sein wie ich und Andere mehr. sie irren sehr, wenn sie meinen, in dem von ihnen ge-
schaffenen Beamtenheere eine Macht zu besitzen; neun Zehntheile derselben hängen dem
alten Beamtenstande an, sind von neid und eigendünkel voll und verabscheuen die neuen
Institutionen; sie werden daher gut thun, diese Hydra zu fesseln, indem sie Männer an die
spitze der verwaltungen stellen, welche dem constitutionalismus, in soweit er in oester-
reich möglich ist, aufrichtig ergeben sind. übrigens werden sie sich auch selbst dann nicht
lange halten, wenn sie die Verfassung ein Automaton sein lassen; sie ist auf diese Weise
eine fiction, die immer populairer wird und geraden Weges einer zweiten gefährlicheren
revolution in den rachen läuft. […] eine lächerliche democratenangst […] lähmt die bes-
ten kräfte und verhindert jede lebendige organisierung.“
1 die erste nachweisbare selbständige veröffentlichung seiner gedichte erschien erst 1851.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien