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Tagebücher352
gestern erschien ich nicht, ob das leere stroh mit mir oder ohne mich gedro-
schen wird, ist ziemlich gleichgültig.
meine Brochure ist fertig und wird in ein paar tagen dem drucke über-
geben, ich glaube, sie wird effect machen, zu lebhafter diskussion Anstoß
geben und dadurch politisch wichtig werden, für mich ist es ein Programm,
es kann mich zum minister machen, obwol dieses in dieser Zeit höchst un-
wahrscheinlich ist, bis dahin aber dürfte es mir wahrscheinlich den Weg zu
jeder offiziellen Thätigkeit verschließen, und dieses ist es, was mich noch
immer nachdenklich macht.
[Wien] 11. April
heute habe ich manz die erste hälfte der Brochure zum drucke gegeben,
in 8 tagen wird das ganze gedruckt seyn. meinen nahmen lasse ich nicht
auf den titel drucken, so sehr er es auch gewünscht hatte, dazu konnte
ich mich nicht recht entschließen, doch habe ich ihm erlaubt, mich auf den
fakturen zu nennen. ich war noch in den letzten tagen sehr unschlüssig,
ob ich die sache überhaupt loslassen sollte, sie schien mir langweilig und
schlecht, ich gab den Quark Becher zur durchsicht, und seine entschiedene
Ansicht bestimmte mich, wie man überhaupt, wenn man unschlüssig ist,
durch den geringsten Anstoß bestimmt wird, gleichsam der letzte tropfen
in einem übervollen glase.
deym, der heute lange bey mir war, geht morgen nach Brüssel, er ist
sehr gereizt durch den geringen effect, den seine Brochure macht, und
überhaupt, wie so viele von uns, verwundet und gekränkt durch den Abfall
der besten freunde und die feindseligen urtheile der jetzt herrschenden
militärkaste mit ihrem stupiden Anhängsel: dem größten theile der Ari-
stokratie, welche uns noch immer an den ereignissen des Jahres 1848 die
hauptschuld zuschreiben, während diejenigen von uns, welche 1848 ste-
hen geblieben sind, wie deym, Breuner etc. etc. auch von den liberalen,
und zwar als Zöpfe, angefeindet werden.
ich meinerseits, der ich diese erfahrung mehr als die meisten Anderen
gemacht habe, habe jenes gefühl der kränkung längst überwunden, wenn
ich es je gehabt, bey mir war es von allem Anfange her mehr Bitterkeit
und verachtung als sonst etwas. ich habe mich stolz zurückgezogen und
die leute de haut en bas behandelt, mir aber die sache hinter die ohren
geschrieben für künftige Zahlungstage, und das hat, wie ich glaube, meinen
character gestählt und gekräftigt, man muß verachtung und bittere ver-
achtung für die Menschen empfinden, wenn man zu etwas nütz seyn will.
nur jener, der unter allen umständen seinen ehrgeiz und seine persönli-
chen hochstrebenden Pläne als leitsterne vor sich leuchten läßt, nicht aber
wer sich für eine Sache begeistert, wird in allen fällen des lebens sicher
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien