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April 1850
ohnehin gethan hätte, ja daß ich mir von diesem seinem schritte nichts
Anderes erwartet habe. Bach sey in dieser wie in andern dingen mit seiner
gewöhnlichen ordinären Advocatenpfiffigkeit vorgegangen und habe mich
durch hinhalten paralysiren wollen, aber von Anfang an die Absicht ge-
habt, mich nie in eine stellung zu versetzen, in der ich ihm, der wohl fühle,
daß er auf seinem Posten nur geduldet und ein lückenbüßer sey, hätte ge-
fährlich werden können. ich sey nun frey und wüßte nun, was ich zu thun
haben werde.
daß von seite des kaisers kein Widerwille gegen mich bestehe, wenig-
stens nicht ausgesprochen würde, habe ich durch schmerling und auch
durch gabrielle erfahren. übrigens gingen wir als freunde auseinander,
ist er ja doch seit jeher Bach’s gegner und rival, wir dürften uns sogar noch
enger aneinander schließen, wir werden beyde dabey Vortheil finden.
ich übergab ihm auch einige noten rücksichtlich ungarns mit Ansichten
und vorzüglich mit nahmen von leuten, die ich zur ersetzung geringers,
dessen Abberufung immer dringender wird, für geeignet halte, ich nannte
deák, vay miklós und kanzler majláth. schmerling hatte mich neulich
darum ersucht. Auch übergab ich ihm einige Bemerkungen über das ita-
lienische statuto zu seiner Benützung, wenn Bach es in den ministerrath
bringen wird.
diese Berathungen über italienische Angelegenheiten sind vor der hand
zu ende, keinesfalls aber werde ich ihnen mehr beywohnen.
Zang war neulich bey Bach und hat sich, wie ich es erwartete, total mit
ihm überworfen, er gibt sich nun ganz in meine hand, und ich werde ihn zu
benützen wissen. meine Brochure erscheint in 2–3 tagen, und dieses soll
das Signal seyn. Auch gegen diesen dachte Bach dasselbe Spiel der Pfiffig-
keit zu spielen wie gegen mich, aber so gescheidt wie er sind Andere auch.
in der Allgemeinen Zeitung stand vorgestern eine denkschrift, worin
25 ungarische Altconservative (an der spitze g. Apponyi und Josika) hef-
tig gegen das vorgehen des ministeriums (also Bach’s) in ungarn opponi-
ren, jedoch wieder, wie gewöhnlich, sich nicht positiv aussprechen.1 diese
schrift wurde dem kaiser vor 14 tagen überreicht, und die minister erhiel-
ten durch die Allgemeine Zeitung kenntniß davon!! eine hübsche stellung
für ein verantwortliches ministerium. man weiß nicht, soll man die kerls
auslachen oder bedauern.
1 Autor der denkschrift war graf emil dessewffy, sie erschien zunächst als Beilage zum
„Pester morgenblatt“. gedruckt in eugen von friedenfels, Joseph Bedeus von scharberg.
Beiträge zur Zeitgeschichte siebenbürgens im 19. Jahrhundert. Zweiter theil 1848–1858
(Wien 1877) 433–441. tatsächlich war die denkschrift zunächst von 23 Altkonservativen
unterzeichnet, laut friedenfels schlossen sich später drei weitere Personen über Presse-
erklärungen dem memorandum an.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien