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Tagebücher356
überhaupt muß sich eine opposition gegen die minister (hauptsäch-
lich Bach, Bruck und schwarzenberg), um wirksam zu seyn, auf ungarn
stützen, denn dort liegen die größten schwierigkeiten und die mächtigsten
feinde, mit den Altconservativen ist zwar nicht zu gehen, denn sie sind
im eigenen lande unpopulär und begehen fortwährend den fehler, sich
jetzt, da ihre Partey nur mehr eine historische reliquie ist, noch immer zu
isoliren, während sie mit der früheren opposition vereint eine große natio-
nale Parthey bilden könnten. ich bin begierig, ob die in meiner Brochure
entwickelten Ideen in Ungarn Anklang finden. Zsédényi arbeitet eben an
einer Brochure,1 ich würde sehr wünschen, daß er sie aufnehmen würde.
übrigens ist der moment ihres erscheinens insoferne günstig, als die er-
wähnte denkschrift der ungarn eben jetzt das tagesgespräch ist, und alle
Zeitungen etc. es hervorheben, daß immer und immer keine politischen
vorschläge gebothen werden. nun, da wäre etwas Positives, meines Wis-
sens außer Palacky’s fehlgeburt2 das erste seit einem Jahre.
trotz aller anfänglichen schwankungen scheint sich die sache in erfurt
doch zu machen, so groß ist das gewicht großer versammlungen. Preußen
läßt sich nicht ungerne zwingen, und die majorität in beyden häusern ist
entschieden deutsch, das wird auch hoffentlich manche deutsche regierun-
gen vom Abfalle vom Bündnisse des 26. may abhalten,3 wozu sie innerlich
sehr geneigt wären. radowitz aber spielt bey allem diesem eine traurige
rolle, und ich wundere mich, daß er sich dazu hergibt, übrigens würde ich
schwarzenberg eine so éclatante niederlage herzlich gönnen.
[Wien] 23. April
meine Brochure ist heute ausgegeben worden, im Wanderer steht bereits
ein einleitender Artikel darüber.4 Zsédényi, dem ich ein exemplar über-
schickte, war heute bey mir und sagte mir, daß sowohl er als der größte
theil selbst der Altconservativen in ungarn auf meine ideen vollkommen
eingehen werden. er will auch in diesem sinne in die Journale schreiben,
1 (ede Zsedényi,) ungarn’s gegenwart. von einem ungarn (Wien 1850).
2 gemeint ist františek Palackýs Programm für ein föderalisiertes österreich, das am 23.
11.1849 in der Prager Zeiung „národní nowiny“ erschienen war. vgl. eintrag v. 27.12.1849.
3 das dreikönigsbündnis vom 26.5.1849, das die Basis des erfurter unionsparlaments bil-
dete.
4 der Wanderer v. 23.4.1850: centralisation und decentralisation in oesterreich, Wien 22.
April. Andrians schrift zur verfassungsfrage sei „mehr als eine kritik dessen, was bisher
auf dem Papiere geschehen; es sind staatsmännische Beweise, warum es anders und prac-
tische vorschläge, wie es anders werden müsse […]; es ist der ausgearbeitete Entwurf eines
staatsmechanismus, wie er, nach der Ansicht des verfassers, in oesterreich der einzig
passende und für die Zukunft heilsame ist.“
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien