Page - 357 - in „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Volume II
Image of the Page - 357 -
Text of the Page - 357 -
35723.
April 1850
was mir sehr erwünscht ist. Palacky, Pinkas und die czechen überhaupt
sind sehr gespannt auf die Brochure und sehr erfreut über das, was sie von
seidlitz darüber gehört haben. manz ist vorgestern über Prag nach leipzig
zur messe und hat für beyde orte und ganz deutschland Ballen mitge-
nommen. Zang, der trotz seines talentes sehr wenig positive, namentlich
administrative kenntnisse hat und ein unbändiger centralist ist, wollte
über zwey Punkte der Brochure: das suspensive veto der landtage gegen
reichstagsbeschlüsse und das Zweykammersystem der landtage, schier
verzweifeln, doch hat ihn Becher capacitirt, und er ist nach Brünn abgese-
gelt, um nun mit allem eifer den krieg zu beginnen. Wir haben uns über
die wesentlichsten Punkte seines operationsplanes verständigt: Bach muß
namentlich heftig angegriffen, schmerling geschont werden, ebenso die un-
garn, daher muß er die unzeitige idee der slovakey fallen lassen.
Die Denkschrift der ungarischen Conservativen findet im Lande unge-
heuern Anklang, bey allen Partheyen, und kaum minder bey hofe. Bach’s
stellung ist gefährdeter als je, wenn ihn schwarzenberg nicht hält, man
nennt ihn einen demokraten. ich nenne ihn einen dummen Jungen, der
weder Praxis, noch organisationstalent, noch menschenkenntniß, also
keine der eigenschaften besitzt, die in seiner stellung nothwendig sind.
er selbst spricht schon, wie mir schmerling neulich sagte, von einem ge-
sandtschaftsposten für sich, worauf ich antwortete, daß ihn sein nachfol-
ger, wahrscheinlich noch ehe er auf seinem Bestimmungsorte angelangt
wäre, abberufen würde. kurz es kann sich manches zutragen, und jeden-
falls kommt mein Bruch zur gelegenen Zeit und macht Aufsehen.
schmerling hat directe an deák geschrieben und ihn nach Wien eingela-
den, wenn er kommt, woran ich aber beynahe zweifle, so ist dieß schon an
und für sich ein ereigniß, und erklärt er, nicht mit Bach gehen zu können,
so ist dieses abermals ein stoß für diesen letzteren.
es fängt jetzt eine wahrer sturm von Brochuren an, alle mehr oder min-
der heftig gegen das ministerium. dieses ist die folge der beynahe gänzli-
chen unterdrückung der Presse und viel wirksamer als diese.
seidlitz kam von erfurt zurück und sieht die dortigen dinge in einem
sehr günstigen lichte, in etwa 14 tagen dürfte, wie er sagt, Alles zu ende
und das reichsministerium in Berlin gebildet seyn: radowitz, gagern, Bo-
delschwing und duckwitz. man hat viel von mir gesprochen, namentlich
stockmar, von dem er mir einen Brief brachte, man hat sich auch von eng-
land, d.i. von Windsor aus bey ihm nach mir erkundigt, ich wäre der mann
des friedens zwischen hier und dort. dagegen beging gagern die unbe-
greifliche Indiscretion, meinen Brief an ihn bey der Wirthstafel Vincke und
mehreren Andern vorzulesen, was seidlitz sehr ärgerte, mir aber unter den
jetzigen umständen einerley ist, übrigens habe ich ihn ziemlich allgemein
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien