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Tagebücher366
schwarzenberg wird dadurch um nichts freundlicher werden. es fehlte
nun nur noch, daß ich von england, resp. Prinz Albert, einen orden als
ehemaliger reichsgesandter erhielte, wovon schon die rede war.
das große ereigniß ist die Abberufung des französischen gesandten aus
london wegen der unwürdigen filouterie Palmerstons in der griechischen
frage,1 natürlich jubelt man hier in der staatskanzley, doch wird sich die
Sache wohl bald beylegen, es ist aber eine vortreffliche Diversion für Paris,
wo man ernstliche unruhen wegen des neuen Wahlgesetzes fürchtete.
Der Finanzausweis ist erschienen, pro 1849, das Defizit beträgt 141 Mil-
lionen, die einahmen 144, die Arméeauslagen allein 157!!
Ich war vorgestern, Pfingstsonntag, mit Deym in Baden, wo Gabrielle
seit heute wohnt.
[Wien] 1. Juny Abends
es waren in den letzten tagen so üble nachrichten aus venedig über ru-
dolph troyer gekommen, daß ich der jammernden familie den Antrag
machte, seine schwestern dahin zu begleiten. dieses wurde mit großem
danke aufgenommen (und die ganze stifts- und hofdamensippschaft er-
weichte sich ob des guten herzens des radikalen), und mittwoch früh den
22. ließ man mir sagen, man würde noch denselben Abend davon gebrauch
machen. meine Anstalten waren bald gemacht, und am 22. Abends, eben
als der kaiser zurückkam, fuhren wir ab, rudolphine, constance und ich,
ohne Aufenthalt auf der eisenbahn bis laibach und von da mit separatwa-
gen nach triest, wo wir am 24. um 1/2 6 uhr früh ankamen. das dampf-
schiff ging zwar um 6 ab, doch wurde beschlossen einen tag auszuruhen.
indessen ersparte mir franz Wimpfen (nicht ohne mein Zuthun) die fahrt
über das meer, indem er einen bekannten oberstlieutnant lutterer sammt
frau und tochter, die an eben dem tage, dem 25. nach venedig fuhren, als
substituten stellte. Am 24. regnete es fast immer, am 25. früh begleitete
ich die cousinen aufs schiff und empfahl mich, mußte aber noch bis 8 uhr
Abends in triest bleiben und langweilte mich die 2 tage in der gräulichen
stadt ganz entsetzlich.
Am 25. Abends fuhr ich ab, war am anderen morgen in laibach, wo ich
Bekannte aufsuchen wollte, aber niemanden antraf, da sie zufällig eben
abwesend waren. ich fuhr also um 2 mit einem sonntagstrain bis littay,
wo ich 6 lange lange stunden zubrachte, spatzieren ging und mich herz-
1 hintergrund der Abberufung des französischen Botschafters edmond drouyn de lhuys
war ein Konflikt über das einseitige Vorgehen Englands bei der Durchsetzung von Forde-
rungen britischer staatsbürger gegenüber der griechischen regierung ohne einbeziehung
der beiden übrigen schutzmächte russland und frankreich.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien