Page - 373 - in „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Volume II
Image of the Page - 373 -
Text of the Page - 373 -
37327.
Juni 1850
die revolutionen in frack und glacéhandschuhen seyen ihm zuwider, man
müsse sie gar nicht oder blutig machen, eine kuriose Äußerung für einen
minister, er dürfte vielleicht einmal beym Worte genommen werden. üb-
rigens scheine ich mich mit meinem vetter eduard (einer grundehrlichen
haut, aber ultrazopf und etwas beschränkt) brouillirt zu haben, weil ich
ihm vor circa 1 monathe schrieb: die bayerische regierung komme mir in
ihrer Angst um ihre existenz vor wie eine vergiftete ratte.
[Wien] 27. Juny
es ist grimmig heiß und hoher sommer, die stadt ist leer, dagegen hietzing
sehr voll, und das Parterre von schönbrunn, wo fast alle tage musik ist,
das rendezvous der vornehmen Welt, auch der kaiser zeigt sich zuweilen.
ob das langeweile, neugierde oder demonstration ist, weiß ich nicht. ich
halte mich ferne.
ich kann, so sehr ich auch wollte, von hier nicht fort, die vorbereitun-
gen und correspondenz wegen unserer Besprechung halten mich hier fest.
endlich ist der tag auf den 3. festgesetzt worden, und der ort: Baden. eg-
bert B[elcredi] ist neulich hier durch nach gleichenberg und wird ebenfalls
erscheinen. stifft kömmt dieser tage hier an, und wir werden uns dann
über die richtung besprechen, welche jener conferenz zu geben seyn wird.
ich bin für Bildung eines comités und Beschaffung von geldmitteln, und
deßwegen ist mir die gratzer Wochenschrift willkommen, weil sie uns nach
unten und oben einen guten vorwand für beydes geben wird.
die landtage sollen nun doch im november zusammenkommen, und
zwar zuerst der hiesige, weil man ihn in der centralisationsfrage gefügiger
zu finden hofft. Werde ich in denselben gewählt (und ich will nun anfangen
dafür vorzuarbeiten), so dürften sie sich geirrt haben. Wegen ungarn wird
jetzt eifrigst berathen. man will haynau weggeben und dem militair die ci-
viladministration nehmen, weil dieses mit den ungarn hält und gegen die
Bachischen civilbeamten eifert, mit denen man ungarn überschwemmen
und zu einem anderen galizien machen will. Aus diesem grunde sträuben
sich denn auch die ungarn dagegen und schmeicheln dem militär, soweit
ist es mit ihnen schon gekommen. übrigens will Bach (der freylich jeden
tag etwas anderes will, wie es sein herr schwarzenberg und der kaiser,
den jener immer mehr in der tasche hat und der die hoffnungen, die man
in seine capacität und selbstständigkeit setzte, täglich mehr lügen straft,
befehlen) einige concessionen machen, geringer durch m. Almásy erset-
zen, die comitatseintheilungen beybehalten etc.
ich fürchte zuweilen beynahe, daß sich der sturm legen werde, und die
minister wieder eine galgenfrist erhalten. dadurch würde die sache un-
rettbar verloren, weil eine friedliche umkehr nicht mehr möglich wäre.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien