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Tagebücher380
connivenz für die italiener, theils um schmerling hinaus zu intriguiren,
wie er denn auch gleich Burger aus gratz als ersatzmann kommen ließ.
Auch schwarzenberg trat ihm bey. gerade aus diesen ursachen wäre mir
schmerlings rücktritt unangenehm gewesen, mehr aber noch, weil dieses
wieder verwirrung und Zersplitterung in unsere mit mühe beginnende
Parteyorganisirung gebracht hätte, da schmerling doch noch einiges Anse-
hen unter diesen leuten besitzt.
diese crisis scheint nun beseitigt, was mich nicht wundert, da die kerls
Alle an ihren Portefeuilles mehr als an allem anderen hängen, und es ist
gut so. die kerls müssen sich alle abnützen, ohne Ausnahme.
von mir sprach man wieder als statthalter für die lombardey, was ich
jetzt beynahe als eine insulte ansehen muß.
das in rosenau ausgearbeitete operat habe ich verschickt, ebenso meine
commentarien etc. dazu, und die Besprechung auf den 25. kommenden mo-
nats anberaumt.
Am 24. nachmittags fuhr ich nach oedenburg, tags darauf mit einem
schlechten fiaker bis Pápa und von da nach város–löd, wo ich übernach-
tete. gestern mittags kam ich über veszprim hier an, ich wählte diesen
Weg, um diesen theil ungarns zu sehen. hier ist Alles überfüllt, und ich
bekam mit mühe ein Zimmer, eine menge hübsche Weiber und ziemlich
viel (männliche) Bekannte, eine superbe Gegend und ein vortrefflicher Sau-
erbrunnen, den ich heute zu trinken anfing, ich will sehen, wie lange es mir
hier gefällt.
[füred] 4. August
mein hiesiges leben ist sehr einförmig. des morgens um 6 oder 1/2 7 trinke
ich den Brunnen, gehe dann spatzieren, sitze im Park und lese, frühstücke
dann im freyen, um mittag oder auch zuweilen Abends bade ich im see und
gehe den ganzen Abend auf der Promenade, dem einzigen spatziergange,
den es hier gibt, auf und ab. gesellschaften, Parthieen etc. gibt es hier
nicht, überhaupt wenig damen der guten gesellschaft und noch weniger
hübsche Weiber, ganz anders als ich es mir vorgestellt hatte, in den ersten
tagen waren des Annaballes wegen (der heute vor 8 tagen stattfand) sehr
viele leute hier, darunter Amèlie Almásy, ihre dünne schwester emma
rosa Batthyány und hedwig medniansky, jetzt ist es ziemlich leer. die
minister Alexander Bach dagegen forderte die zumindest vorübergehende Beibehaltung
des gerichts in verona als Zugeständnis an die italienischen forderungen nach stärkerer
Autonomie. nach weiteren debatten in den folgenden ministerräten erschien das gesetz
als kaiserliches Patent v. 7.8.1850, in dem ein einheitlicher gerichtshof in Wien geschaffen
wurde.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien