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3814.
August 1850
einzige frau, die ich hier kenne, ist die niedliche irma Zichy, seit gestern ist
felix Zichy und toni esterhazy sammt ihren frauen hier. An männlichem
umgang ist dagegen kein mangel, obwol ziemlich uninteressant. meine bis-
herige tischgesellschaft waren Paul Zichy sammt seiner charlotte, Pronay
(die aber gestern abreisten), Janos huniady, Paul Zichy jun., inkey etc.,
dann sehe ich noch viel viczay, teleki, marcell dessewffy, den alten gene-
ral Zocchi, etc., heute lernte ich den ungarischen reisenden reguly kennen,
der mir viel interessantes aus sibirien und rußland erzählte.
über die hiesige Wirthschaft von Bach, geringer & c. höre ich immer
weniger erbauliches von den vielen ungarn, besonders dem geringern co-
mitats Adel, den ich hier sehe. man wollte mich mit deák, der hier in der
nähe wohnt, zusammenbringen, was mir ganz recht wäre, nur will ich kei-
nen schritt dazu thun.
ich lese hier gar keine Zeitungen, was mir sehr wohl thut, weiß also
nur das Bedeutendste dessen, was geschieht, der wieder ausgebrochene
kampf in schleswig, die Abberufung des preußischen Bevollmächtigten
aus frankfurt1 und eine theilweise Amnestie für einige Wiener october-
gefangene. dieses tropfenweise Amnestiiren muß seinen eindruck ver-
fehlen, besonders da man allgemein glaubt (und ich glaube es auch), daß
dieser plötzliche Paroxysmus von milde der regierung nur durch die letz-
ten haynau’schen Begnadigungen abgedrungen wurde. diesen menschen
mißlingt Alles.
Aus steyermark schreibt man mir, daß die gemeindewahlen auf dem
Lande vortrefflich ausgefallen ist [sic], daß unsere Parthey überall gesiegt
hat, überhaupt stärker und organisirter ist als jemals.
ich lese jetzt stein’s leben von Pertz2 und finde in vielen Stücken eine
auffallende Ähnlichkeit mit unseren Zuständen so wie zwischen stein’s An-
sichten und den meinigen. es war und ist mein traum, oesterreichs stein
zu werden, en attendant mieux.
obwohl ich diese 10 tage wenn auch gerade nicht lustig, so doch nicht
unangenehm zugebracht habe (luft, sauerbrunnen und seebad sind köst-
lich), so glaube ich doch nicht, daß ich es lange mehr hier aushalten werde.
im september will ich noch nach Baden gehen und etwa 20 schwefelbäder
brauchen. Am 25. dieses monats ist die Zusammenkunft in Wien, bis dahin
habe ich also circa 14 tage raum, ohne noch zu wissen, wie ich ihn aus-
1 die Abberufung wurde am 11.7.1850 veröffentlicht, nachdem die verhandlungen zwischen
österreich und Preußen über den status der frankfurter konferenzen (Bundestag oder
freie konferenz) gescheitert waren.
2 georg heinrich Pertz, das leben des ministers freiherrn vom stein. 6 Bde (Berlin 1849–
1855).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien