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38316.
August 1850
und von dort mit teleki nach csikvár,1 er zeigte mir unterweges die stellen,
wo er sich als damaliger königlich ungarischer general dem einmarsche
Jellachich’s im september 1848 entgegengestellt hatte, und erzählte mir,
wie er zwischen den positivsten Befehlen des erzherzog stephan und den
zweydeutigen erklärungen des Banus, den er eigens um seine vollmachten
befragt hatte, zum opfer der damaligen verhältnisse wurde.
um 9 uhr waren wir in csikvár, wo ich bey Batthyanys soupirte, und
als mein Wagen nachkam, noch bis stuhlweissenburg fuhr, wo ich um 1/4 2
ankam und übernachtete. Am tage darauf fuhr ich mit einem eilbauern in
der größten hitze fast immer en carrière in 4 stunden circa hieher, wo ich
gegen 1 uhr anlangte. morgen denke ich mit dem dampfboote nach Wien
abzureisen.
hier lese ich wieder Zeitungen und spüre auch gleich die Wirkungen der-
selben auf meinen humor. in dieser Zeit, wo es für mich nichts zu thun
gibt, wünsche ich nichts mehr als Ruhe. Diese finde ich aber nur dann,
wenn ich von Allem dem, was vorgeht, nichts oder nur das Wesentlichste
erfahre. Physisch und moralisch ist mir ein solcher Zustand am zuträglich-
sten, und wüßte ich einen stillen fleck, den ich mein eigen nennen könnte,
oder doch auf den ich mich zurückziehen könnte, ohne dabey wenigstens
den nothdürftigsten umgang als Zerstreuung zu entbehren, so wäre ich
vor der hand zufrieden. diese letzten Jahre, besonders aber das letzte Jahr
einer fortwährenden thatenlosen unruhe haben mich ermüdet. seit langer
Zeit bin ich in füred zuerst wieder ruhig gewesen und habe lust und hu-
mor gefunden, mich mit lesen etc. zu beschäftigen. treten die landtage
im november nicht zusammen, so setze ich mich gleich im Anfange des
Herbstes irgendwo hin, wo ich jene Ruhe ohne Langeweile finde, und bleibe
den Winter dort. Freylich sind solche Orte nicht leicht zu finden. Es bleibt
mir dann nur eine sorge mehr, und diese ist freylich keine geringe, es ist
die um meine öconomischen verhältnisse, welche sich jetzt immer mehr
verwickeln. spangher ist ein schuft, und ich muß Prozeß mit ihm führen.
Becher hat mir nach füred geschrieben, daß mir der gemeinderath das
Bürgerrecht von Wien ertheilt hat. so hätte ich denn mein Wahlrecht in
niederoesterreich sichergestellt.
Wien, 16. August
ich blieb um einen tag länger in Pesth, um nicht mit dem schlechten
dampfschiffe nádor zu fahren, einen Abend hörte ich die oper martha un-
garisch, sonst theilte ich meine Zeit zwischen dem casino und marie garay,
meiner Bekanntschaft vom July her.
1 richtig csákvár.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien