Page - 388 - in „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Volume II
Image of the Page - 388 -
Text of the Page - 388 -
Tagebücher388
gerne einer interessanten frau zu liebe die Politik, ja sogar die Ambition
auf einige Zeit an den nagel hängen.
übrigens ist es noch recht voll hier, manchmal concerte der Palffyschen
capelle im Park oder im saale der stadt Wien, auch subscriptionsbälle. das
Alles nimmt aber jetzt bald ein ende. meine alte freundin ida Bombelles
besuche ich manchmal, gestern jagte ich hier auf rebbhühner und hasen,
fand aber nicht viel. gabrielle ist mit ihrem hofe in selowitz, sie wollten
nicht nach der Weilburg kommen, um einem Zeitungsgeschwätze, welches
von einer heirath zwischen der erzherzogin marie [karolina] und dem in-
fanten don fernando (sohn des don carlos) sprach, keine nahrung zu ge-
ben. doblhoff kommt dieser tage vom haag hier an, ich freue mich ihn zu
sehen. für die verbreitung des verfassungsentwurfs nach tyrol, kärnthen
etc. habe ich sorge getragen. im übrigen beschäftige ich mich gar nicht mit
der Politik, et je m’en trouve bien, wie die sachen jetzt stehen, verursacht sie
einem nur üble laune. schwarzenbergs Politik scheint eben jetzt momentan
oberwasser zu bekommen, nämlich in der deutschen frage und zwar aux
dépens der armen schleswigholsteiner,1 rußland scheint mit uns und gegen
Preußen zu agiren, the barber learns his art on the orphans face, ja selbst
Palmerston will sich auf kosten jener armen teufel wieder weiß waschen.
Wenn sich große herren versöhnen, so geschieht es immer auf kosten eines
kleinen dritten.
[Baden] 9. september Abends
Am 6. nachmittag sind meine damen fort, unter einer menge confusionen
und Anstände wie gewöhnlich, ich fühle diesen verlust sehr, erstlich weil
mich nun, namentlich Abends, die langeweile plagt, und hier durchaus nie-
mand ist, der mir ihren verlust nur halbweges ersetzen könnte, nichts als
Juden und gesindel, und dann weil mich diese acht tage des umganges mit
ihnen wieder an den grand genre, an den guten ton der eigentlichen großen
Welt erinnert hat, welchen ich so liebe, ja ich kann sagen so nothwenig brau-
che, um mich à mon aise zu fühlen, und den man bey uns nicht findet. hier
ist die sogenannte grande dame ebensolche spießbürgerinn wie die Bürgers-
frau aus s. Pölten, der einen wie der andern fehlt die Bildung, die gabe der
sprache und des umganges, welche nur die gewohnheit des reisens und des
verkehrs mit fremden gibt, die kenntniß der Welt, das interesse an interes-
santen dingen und das good breeding. ich würde vor langeweile vergehen,
müßte ich eine oesterreicherinn heirathen. die ungarinnen sind um einen
1 der dänische könig hatte als herzog von holstein in frankfurt den Antrag auf Bundes-
intervention zur durchsetzung des Berliner friedens und seiner herrschaftsansprüche ge-
gen den neuerlich ausgebrochenen Aufstand in den fürstentümern gestellt.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien