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Tagebücher390
es geht allmälig immer schlechter, in den finanzen wie in der Admini-
stration, in den Provinzen, ungarn voran, wie im centro, an Aufhebung des
Belagerungsstandes denkt niemand, und sie ist diesen ministern nachge-
rade beynahe unmöglich geworden. die gemeindewahlen in Prag und triest
sind im gemäßigtliberalen, also durchaus nicht ministeriellen sinne ausge-
fallen. seine majestät halten revueen und schneidern an den uniformen,
das ganze ist eine erbärmliche Pastete.
das Wetter ist so kalt und schlecht, wie ich mich zu dieser Jahreszeit
mein lebtag nicht eines gleichen erinnere, 7–8° r! seit ich hier bin, konnte
ich 1 oder 2 mal ohne überrock ausgehen, und seit ein paar tagen trage ich
dicke Winterkleider wie im december. ich kann es nicht erwarten, in ein
besseres clima zu kommen.
[Baden] 17. september
endlich wird es schön und warm, nachdem wir durch 14 tage gefroren haben
wie die hunde, meine Bäder habe ich aber demungeachtet fortgebraucht und
dürfte in 8–10 tagen damit zu ende seyn. dann kehre ich nach Wien zurück,
bleibe einige Wochen dort und denke, gegen ende october nach venedig ab-
zusegeln, erlauben es mir die verhältnisse, so gehe ich später bis neapel, wo
das erträgliche clima anfängt und die reminiscenzen, politischen reibungen
und klätschereyen aufhören. die Zeit meines Ausbleibens ist unbestimmt, so
lange als möglich. die stagnation, gedrückheit und gereiztheit hier ist uner-
träglich, und für mich doppelt, da ich keine Beschäftigung, überhaupt nichts
habe, was mich in Anspruch nehmen und zerstreuen könnte.
hier lebe ich langweilig und einförmig und bin fast den ganzen tag allein,
was mir jedenfalls lieber ist als die hiesige gesellschaft, esse im casino mei-
stens mit Baptiste Bathiany, reischach und davidoff, von denen allein der
letzte, weil ein Ausländer, ein vernünftiger mensch ist, und sitze Abends mit
geduldiger ergebung im theater. so vergeht ein tag wie der andere, und es
ist mir dieses leben jedenfalls angenehmer als das in Wien, wenigstens habe
ich hier ruhe, persönliche ungebundenheit und keine positiven ursachen zu
übler laune.
doblhoff ist seit einigen tagen hier, ganz der Alte, wie mir bisher scheint,
er orientirt sich nun hier allmälig, und was er sieht und hört, gefällt ihm na-
türlich ebensowenig als mir. Wir haben bisher noch nicht Zeit gehabt, gründ-
lich über meine Brochure und organisationsideen zu sprechen, doch wird
dieses bald geschehen, einstweilen sehe ich, wie ich es auch von ihm nicht
anders erwartete, daß er, in der Art wie stifft noch sehr von büreaukrati-
schen ideen befangen, vor manchen meiner Ansichten erschrickt.
es ist mir neulich eine Brochure mitgetheilt worden, die von Babar-
czy, flügeladjutanten des kaisers verfaßt, in nur 30 exemplaren vertheilt
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien