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Tagebücher392
offen zur gothaerparthey geschlagen hat, heraus, um mich zu besuchen, er
ist auf einer ferienreise durch oesterreich begriffen und schilderte mir den
Zustand seiner Parthey in deutschland als ziemlich hoffnungslos.
[Baden] 21. september
Am 18. fuhr ich in die stadt und kam gestern Abends zurück, ich hatte eine
menge geschäfte dort. vorgestern legte ich im versammelten magistrate
meinen Bürgereid ab, womit ich denn nun förmlich recipirt bin.1 die Agi-
tation für die gemeinderathswahlen ist sehr stark, ein jeder klagt über die
überwiegende thätigkeit der der seinigen entgegengesetzten Parthey, was
das sicherste Zeichen allgemeiner theilnahme ist. ich wurde von mehreren
gefragt, ob ich mich wählen lassen wolle, und gab allgemeine Antworten.
Aufrichtig gesagt, würde mich diese Wahl (von der übrigens, sobald ich mich
nicht förmlich in candidatur setze, keine rede ist) mehr in verlegenheit
setzen als mir freude machen, denn ich sehe nur verbindlichkeiten, aber
keinen mir zusagenden Wirkungskreis. es ist mir lieber und scheint mir in
mancher Beziehung vortheilhafter, einige verläßliche freunde in demselben
zu haben (wie es auch ohne Zweifel der fall seyn wird), als selbst drin zu
sitzen. übrigens wie auch die Wahlen ausfallen mögen, soviel scheint mir
gewiß, daß das vernünftig liberale element vorherrschen und ein etwaiger
staatstreich in dieser körperschaft keinen Anklang, vielleicht sogar energi-
schen Widerstand finden wird. soweit sind wir denn doch. Zudem sind die
ultrazöpfe so dumm, sich der Wahlen zu enthalten, und die ungeschicklich-
keiten der minister in allen, selbst den geringfügigsten dingen hilft ihren
gegnern, so z.B. die letzten ordensverleihungen an einzelne mitglieder des
jetzigen gemeinderathes.
Auch zu Bach ging ich, um ihm eine Angelegenheit Pober’s zu empfeh-
len und louise, die mich um meine persönliche verwendung gebethen hatte,
zufrieden zu stellen, ich machte einen ganz feyerlichen Besuch (den ersten
seit mehr als sechs monathen), er empfing mich mit großer Auszeichnung
und gezwungener freundlichkeit, und wir sprachen, nachdem er mir die
gewährung des Poberschen Anliegens zugesagt hatte, in einem fort von –
landwirthschaft und drainage, von der wir Beyde nichts verstehen. endlich
empfahl ich mich.
saaz (nicht der preußisch-schlesische Abgeordnete Adolph rösler), Privatdozent, nicht
Professor, für deutsche rechtsgeschichte in göttingen. er hatte von 1846–1848 als do-
zent öster reichische rechtsgeschichte an der universität Wien unterrichtet. in frankfurt
stimmte er für das erbkaisertum und damit einen deutschen Bundesstaat, auch wenn dies
unter Ausschluss österreichs geschehen würde.
1 Andrian hatte im Juni 1850 um das Bürgerrecht der stadt Wien angesucht, vgl. einträge
v. 15.6. und 10.8.1850.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien